Geschichte

Haushaltsgeräte und einige ihrer Epigonen, Folge 9 + 10

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9. Die Bratengabel

In meinem in der bösen Zeit erschienenen Hausfrauenlexikon gibt es weder einen Eintrag zur Bratengabel, noch einen zur Gabel an sich. War den Herren dieser Zeit jenes mehrzinkige Gerät zu ambivalent und also zuwider? Oder hielten sie es für eine überflüssige französische Verfeinerung, heißt für ein Gerät der Esskultur, welche es, wie andere Kultur auch, abzuschaffen galt, ging es beim germanischen Essen doch um den Nährstand einer-, den Fressstand andererseits? – Ich weiß es nicht. Im zitierten Hausfrauenlexikon gibt es keinen Eintrag zu Kultur, doch der Eintrag, der sich ungefähr an der aufgeschlagenen Stelle befindet, deutet in diese Richtung:
Kulinarisch – entbehrliches lateinisches Fremdwort mit der Bedeutung „auf die Kochkunst bezogen”
… und auch der einzige gabelrelevante Eintrag scheint in dieselbe Kerbe zu schlagen, empfiehlt er doch eine radikale Umnutzung dieses Geräts:
Gabelhäkelei – eine Handarbeit, die mit Hilfe einer gebogenen Metallgabel ausgeführt wird. Man hält die Gabel so, dass der Bogen der Gabel unten ist. Die Anfangsmasche legt man um einen Zinken der Gabel, legt den Faden um den anderen, dreht die Gabel, macht eine feste Masche, legt den Faden um den anderen Zinken, dreht die Gabel wieder, macht wieder eine feste Masche, wobei man immer wieder in die untere greift, und wiederholt laufend.

So ungefähr kann ich mir diesen Ablauf in Endlosschleife vorstellen. Obgleich nicht ausdrücklich gesagt, scheint hier eine zweizinkige Gabel zum Einsatz zu kommen – ein Modell also, ähnlich der Bratengabel, wenn auch asymmetrisch, denn was es mit dem erwähnten Bogen auf sich hat, eröffnet sich meiner Vorstellungskraft nicht so ganz. Leider ebenfalls nicht aufgeklärt wird die Frage, wozu diese gegabelte Häkelei gut sein und welche Form das zu verfertigende Werkstück annehmen soll, noch ob man für diese Arbeit Wolle, Garn, Draht oder Schnur verwendet.

Könnte es sein, dass in dem Nachschlagewerk etwas durcheinander geraten ist? (Sturm im Zettelkasten) … und beabsichtigt war eine Handreichung dafür, wie das Nationalgericht des südlichen Achsenpartners zu verschnabulieren sei? Dafür spricht der Eintrag
Spaghetti – dünne, runde Nudeln, die in Salzwasser gekocht werden, ital. Nationalgericht. Spaghetti schmecken besonders gut mit Rinderbraten oder Tomatensauce.
Das ist soweit OK (sieht man von der entbehrlichen frz. Schreibung des Wortes Soße ab). Aber – wie sind diese Nudeln zu verzehren?
Das Messer in der Rechten, den Löffel in der Linken sehen sich Volksgenossin und Volksgenosse traurig an – sie bleiben ungesättigt.

Meine Bratengabel ist nicht mehr. Sie war immer ein wenig geliebtes Gerät. Was auch daran gelegen haben mag, dass ich mir selten ein Rind brate, und für Spaghetti benutze ich andere Gabeln.
Das zum Einen. Zum Anderen gehörte die Gabel zum Küchenset eines nordgermanischen Herstellers und war, im Gegensatz zu dem Klischee, dass seinem Ursprungsland in metallurgischer Hinsicht anhängt, von minderer Qualität, soll heißen: sauschlecht verarbeitet. Ich sage nur: Deutliche Mängel bei der Entgratung!
Jeder Küchenjunge sollte in die Holzvertäfelung seines Hinterstübchens folgenden Merkspruch eingebrannt haben:

Spart man bei der Bratengabel am Entgraten
ist es besser, ihr beim Braten zu entraten.

Das Leben meiner ungeliebten Bratengabel endete, und doch war es nicht sinnlos, denn ich gab sie in die Recyclingtonne der Berliner Stadtreinigung, beziehungsweise, ich glaube, es war eine Tonne dieses Basketballvereins. Im Recyclingwerk – das weiß ich nicht, das ahne ich umso mehr –, durchlief die Gabel in mehreren Stufen eine sinnstiftende Metamorphose, sie wurde geschmolzen, gewalzt und geprägt, und heute ist sie in einem der 12 Bezirke, beziehungsweise 96 Ortsteile Berlins zu sehen, an einen Laternenmast oder ähnliches geschraubt und mit der Aufschrift: Gehwegschäden.
Hiermit rundet sich alles, denn der Schaden des Gehwegs, durch welchen die Fußgängerschaft beschädigt werden kann, was ist er anderes, als die in den öffentlichen Raum übertragene Spielart eines nicht ausreichend entgrateten Küchengeräts?

10. Der Nussknacker

Mein Nussknacker sieht sehr funktional aus – oder sollte ich sagen: funktionell? Es handelt sich um ein Zangenmodell mit Öffnung für zwei Nussgrößen. Tatsächlich liegt das Gerät gut in der Hand, anderweitig ist das zweckmäßige oder zweckdienliche Aussehen allerdings reine Ansichtssache, soll heißen, das Gerät wurde so designt, dass es uns auf den ersten Blick einleuchtet und zugleich elegant erscheint – etwas, dass die Praxis umgehend widerlegt. Nehme ich mit meinem Nussknacker eine Nuss in die Zange – dabei handelt es sich in der Regel um eine Walnuss (doch verhält es sich bei der Haselnuss ähnlich) –, dann greift die Zange die Nuss zwar tadellos, doch ist es schwierig, die angewandte Kraft korrekt zu dosieren, und gleich wie mans anstellt, in locker der Hälfte der Fälle fliegen Nuss- und Schalenstücke umher, durch die Küche, durch die Stube, gefolgt von Suchen und Fluchen und Kehren.

Ganz anders verhielt es sich mit den beiden Nussknackern meiner Kindheit. Zwischen diesen gab es eine klare Rollenteilung : Der eine war zuständig für das Aussehen, der andere war ganz Funktion. Der praktische alte Knacker bestand aus einem sehr dickwandigen Holzbecher, seitlich mit einem runden, man könnte sagen: Spundloch. Durch dieses Loch, das ein Gewinde hatte, drehte man einen Holzstößel, der sich, da er am Ende in einen Knauf auslief, gut greifen ließ, und den man langsam aber unnachgiebig durch die Öffnung und gegen die in den Becher eingebrachte Nuss schraubte. Immer gab die Nuss nach, entweder mit einem Ächzen oder mit einem Knall, und nur selten führte der Knackvorgang dazu, dass Stücke aus dem Becher flogen (Ängstliche legten die nichtschraubende Hand über die Becheröffnung) – zu solchem Auswurf kam es nämlich fast nur dann, wenn man eine taube Nuss eingelegt hatte, eine Nuss, deren nicht vorhandenes Innenleben der Kraft, die man aufzuwenden für erforderlich gehalten hatte, unverhältnismäßig wenig entgegensetzen konnte. Das Knackgerät war dunkelbraun und von plumper Form. Man könnte sagen, es sah nach nichts aus und, sagte man das, es wäre höflich formuliert.

Für das Aussehen war der zweite Nussknacker zuständig. Bei ihm handelte es sich um einen weißhaarigen Soldaten mit hoher Mütze, sowie Augen und Zähnen im XXL-Format. In seinem aufgerissenen Maul konnte man Nüsse knacken, aber das geschah nur ganz selten, dafür konnte man, stellte man es geschickt an, eine Walnuss, war sie richtig platziert, mithilfe des rückwärtigen Hebels sehr schick aus dem Fressmaul herauskatapultieren. Und zwar mit Schmackes! Die ein oder andere Christbaumkugel ging so zu Bruch.
Wie gesagt, dazu kam es selten, und der Nussknackermann war wie der Räuchermann, der Weihnachtsengel und die Kurrendesänger für Deko zuständig, was auch der Grund dafür ist, dass ihm langweilig wurde und er zu den Komödianten ging.

Heute sieht man ihn meist – dabei ist es geblieben – um die Weihnachtszeit wie er mit vielen Kindern, vor allem sind es kleine Mädchen, auf einer Bühne herumstolziert, dann und wann einen steifen Tanzschritt wagt, und dazu spielt Hitmusik, ein Pantoffel fliegt und am Ende ist der König mausetot. Rest habe ich vergessen, bin ja kein kleines Mädchen, aber man sagt mir, es war sehr schön und jedes Jahr von Neuem.
Die Nüsse ihrerseits füllen ungeknackt mittlerweile alle Theaterkeller, klackern durch die Kulissen, kugeln durch die Garderoben, über die Schnürböden und in die Requisite, und erst wenn die letzte Ballerina auf einer Nuss ausgerutscht und, pardauz, so ungeschickt gestürzt ist, dass sie nimmer aufsteht, erst dann werdet ihr merken, mit gutaussehenden Knackern ist der Nussplage nicht Herr zu werden.

Eine Bratengabel und ein Nussknacker, beide mit Kunstblumen

Zwiespältiger Auftritt, geeinte Wirkung – die Bratengabel und der Nussknacker
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)

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