Geschichte

Haushaltsgeräte und einige ihrer Epigonen, Folge 11

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11. Der Eierschneider

Der Eierschneider wird in Österreich auch Eierharfe genannt, womit zwei wesentliche Verwendungen oder Anwendungsgebiete benannt sind, wobei, besser sollte ich sagen: zwei denkbare Einsatz- oder Nutzungsarten, denn zwar besitze ich einen Eierschneider, aber wann habe ich damit zuletzt ein Ei in Scheiben geschnitten, wann zuletzt musiziert? Die Antwort lautet, erstens, vor geschätzt 15 Jahren und, zweitens, nie.

Ich könnte mir vorstellen, mit diesem Gerät Mozzarella zu schneiden, um so einen Caprese-Salat herzustellen, aber getan habe ich das noch nie – und dabei esse ich Caprese gern. Bleibt eine Verwendung, welche unbezeichnet ist, nämlich die Schönheit, und diese kommt, ungeachtet ihrer nicht so ganz greifbaren Natur, regelmäßig zum Einsatz.

Alle paar Wochen krame ich in der tiefen, geräumigen Küchenschublade, welche der Eierschneider bewohnt, und suche unansehnliche Gegenstände, zum Beispiel einen Knickstrohhalm, einen Zahnstocher, einen Gefrierbeutel oder die Frischhaltefolie, und dabei stoße ich unweigerlich auf den Eierschneider, hebt er sich doch von dem ihn umgebenden Gerümpel unvergleichlich ab. Ich halte kurz inne, lächele, und manchmal nehme ich ihn auch in die Hand und hebe ihn zum Auge – und, lege ich ihn zurück, habe ich vergessen, was ich suchte, bin aber, der Schönheit des zart besaiteten, funkelnden Geräts wegen, gut gestimmt.

Falsch wäre es, hieraus den Schluss zu ziehen, wenn es einmal wirkt, wirke es immer, und also den Eierschneider seines Schubladenasyls zu berauben und ihn auf ein Podest in die Küche zu stellen – beziehungsweise, warum dann nicht gleich Fan des Fehlschlusses werden, dass, wenn etwas hilft, mehr mehr hilft, und also zahlreiche Eierschneider kaufen und diese, gerahmt, in Vitrinen und zu Mobiles verarbeitet, über die gesamte Wohnung verteilen?

Nein, so wird das nichts. Ist ein Gegenstand schön, dann ist ers in der Regel nicht an sich. Vielmehr, ihm wohnt die Schönheit zwar durchaus inne, doch entfalten kann sie sich nur im Zusammenhang – so wie der Samen Mutterboden, Dünger, Gießwasser und Liebe braucht. Einiges muss zusammenkommen, und will mans erzwingen, dann lernt man auf schmerzliche Art: So geht es nicht! – und es ergeht einem wie jenem unbedachten Himmelsanbeter, der den Unterschied zwischen Morgendämmerung und Mittagssonne nur am eigenen Leibe und qua Sonnenbrand erlernt.

Auch kleinste Einzelheiten sind dabei manches Mal von einer Bedeutung, die mit ihrem Maß (soweit messbar) in keinem linearen, sondern zumindest in einem exponentiellen Zusammenhang stehen – oder auch : Puff! Wow! – in einem Zusammenhang, welcher sich gängiger Zusammenhangskategorien entzieht. Es verhält sich in etwa wie die Newtonsche Physik zur spukhaften Fernwirkung der Quanten.

Jetzt aber mal Butter bei die Fische sagen sie? – Gerne. Beim Eierschneider, genauer, bei meinem Eierscheider liegt ein solches schwer fassbares Fluidum vor, wenn ich, was ich nur hin oder wieder tue, das Gerät öffne. Durch einen – vielleicht? – vorliegenden Produktionsfehler, oder weil sich, wer weiß?, etwas verbogen oder verzogen hat, streifen die Saiten beim Öffnen, beim Schließen, leicht über den Rahmen und es ergibt sich ein Klang, der schwer zu beschreiben ist, der einem aber versichert: Ich weiß zu schneiden, und ich schneide schön, schneide gut.

Auf meinen Spaziergängen quere ich an mehreren Stellen Stromleitungen, Hochspannungsleitungen. Ich nicke ihnen zu; sie nicken nicht zurück, und das ist gut so. Doch, besonders dort, wo sich mehrere Leitungssysteme kreuzen und in den Himmel eine Art Wolkenschneider machen, höre ich, wenn ich darunter hindurchgehe, einen ähnlichen Klang, ein Sirren, einen hohen Ton, der zart ist, doch in dessen Zartheit eine Gereizt- und Geladenheit aufscheint und anklingt, welche durch diesen Gegensatz, durch dieses ungeheure Potential, von dem so gar nichts zu sehen ist … und doch schwebt es über einem, … welches durch diese gewaltigen Möglichkeiten, bei gleichzeitig größter Zurückhaltung, eine gewaltige, erhabene Schönheit ausdrückt, eine Schönheit, die ein heikles Gleichgewicht ist, ein Gleichgewicht zwischen Todesnähe und freiem Flug.

Was uns zurückführt zum Ei, welches zu schneiden der Schneider erfunden wurde. Hier nun ründet sich alles. Wir wissen: Zuerst war das Ei. Der Eierschneider kam später, und zuletzt kam das Sandwich mit Ei. Wir wissen: Das Ei ist perfekt, doch ist es an sich nur da, um zerstört zu werden, von innen – und das Ergebnis ist Flug. Wir zerstören es von außen, dreifach : kochen es und schälen es und schneiden es in Scheiben. Aber das macht nichts, das ist gut, denn, um für die Zerstörung des Eis Abbitte zu leisten und, sozusagen, als Ausgleichsfläche für sein Verschwinden – wobei das Ersatzobjekt dem Vorbild nicht gleichkommt, ach was, an Vollkommenheit und Schönheit übertrifft es das Vorbild locker – dafür also erfanden wir den Eierschneider, und die Schönheit seines Drahtgesangs übertrifft kein Vogel, kein Lurch, keine Schlange.

Ein Teddybär mit Eierschneider sowie Strommasten im Grünen

Schönheit, lehrt uns der Eierschneider, wohnt mitten im Alltag und bürstet diesen gegen den Strich
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)

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