Geschichte

Heiligendamm

Es war ja, was man vielleicht den Sinn ergänzend voranstellen muss – Elena jedenfalls empfielt es mir, wobei ich nicht sicher bin … höre ich da Ironie aus ihrer Stimme, Sarkasmus? Schwer zu sagen. Seit zwei Tagen ist sie heiser – heiser oder erkältet oder beides und jedenfalls verschnupft. Am offenen Fenster hatten wir gesessen, an diesem Freitagabend, als die Sonne uns einen sommerlichen Untergang vorspielte, während es gleichzeitig für die Jahreszeit zu kühl war, deutlich zu kühl, wir aber waren geblendet, und untem im Park probte eine Kapelle für das samstägliche Konzert. Vielleicht dass uns die Musik warm gehalten hat, oder es war die angeregte Unterhaltung, die Schwingung der Stimmbänder, die die Musik zu übertönen hatten, was ihnen auch gelang, denn wir hatten uns viel zu sagen – viel nach den vielen Problemen, die sich nun, Wunder des Ortswechsels, verflüchtigt hatten, und mit ihnen war auch der Krampf von uns abgefallen, wie ein Schal der unbemerkt von den Schultern gleitet, und zwischen uns flogen die Gesten, die Worte leicht und lässig wie Federbälle, welche eine geringe Bewegung des Handgelenks hoch in die Luft steigen lässt, so leicht und hoch, ganz unmöglich scheint es, dass sie sich im Netz verfangen, dass sie je wieder den Boden berühren.

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Gedichte

Beim Anblick der Endmoräne (7)

7. NATUREN

IV.
Einen Trauerrand hat sich
mein linker Mittelfinger
unter den Nagel gelegt.
Besorgt schaue ich nach:
Fehlalarm,
die andren Finger leben noch.

VI.
Auf einer Pfütze
schwimmt ein Schraubverschluss.
So sähe die ganze Welt aus,
gäbe es keine Wasserflaschen.

XII.
Der Himmel wird grau,
dann beginnt es zu schütten.
Wie schön
die Gewissheit!
Aus heiterem Himmel
trifft einen nur Licht.

XXIII.
Ein Feuerzeug liegt auf der Parkbank,
daneben hüpft ein Spatz.
Die Bäume rauschen zufrieden.
In Kalifornien brennt der Wald.

XXXI.
Die Sonne geht auf.
Die Sonne geht unter.
Ich stehe auf.
Ich gehe nicht unter.
Weltall und Alltag,
du kriegst
die Tür nicht zu.

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne - 7. Abteilung: Naturen

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne – 7. Abteilung: Naturen

Gedichte

Beim Anblick der Endmoräne (6)

6. PFLANZEN

IV.
Im Vorgarten liegt heute morgen
ein altes Bügeleisen.
Irgendwo atmen Hemden jetzt auf.
Zwei Gänseblümchen aber haben es
mit dem Leben bezahlt.
War es das wirklich wert?

VI.
Die Wurzeln einer Buche
haben den Asphalt des Bürgersteigs
zu Wellen aufgeworfen.
Ich hebe eine Buchecker auf,
halte sie ans Ohr –
von Rauschen keine Spur.

XVI.
Die Gießkanne
hat ihren letzten Tropfen
der Topfpflanze geschenkt.
Nun dürstet sie,
aber sie klagt nicht,
denn, Klugheit der Natur,
ihr Maul kann spenden,
sprechen kann es nicht.

XVIII.
Obstmesser sind nicht überflüssig:
Drei Tage in der Sonne,
und die Orange
schält sich immer noch nicht.

Gedichte

Beim Anblick der Endmoräne (5)

5.TIEREN

I.
Wenn eine Schwalbe
noch keinen Sommer macht,
was machen dann
zwei Schwalben
nicht?

IV.
Eine Taube frisst einen verlorenen Schnürsenkel.
Andersherum würde ein Schuh daraus.

IX.
Ein Regenwurm hängt am Angelhaken.
Eklig, vielleicht? – Aber, na ja,
andersherum sähe das ziemlich blöde aus.

XVII.
Was war zuletzt da,
Eiweiß oder Dotter?
Der Esser schweigt,
er hat genossen,
und Eidgenosse Eierbecher
schweigt ebenfalls
und bleibt.
Die Schalen aber gibt man
zuguterletzt in aller Stille
in den Kompost.

XXI.
Auf dem Schleppkahn an der Schleuse
sitzt auf Kohlen eine Meise.
Einfältig die Vogelwelt.

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne - 5. Tieren

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne. Gedankenlyrik.
86 Seiten. 10 Euro.
ISBN 978 3 941936 27 0
Informationen beim Verlag

(Eine hochauflösende Version dieses Fotos gibt es hier.)

Gedichte

Beim Anblick der Endmoräne (4)

4. KAUFEN

II.
Im Rinnstein sehe ich einen Groschen
und will ihn aufheben.
Es klebt aber etwas Hundescheiße daran.
Da lass ich ihn lieber, wo ich ihn fand.
Vielleicht hat ihn ja ein armer Hund verloren.

VIII.
Gestern habe ich mir die Haare
mit Duschgel gewaschen.
Seither kann ich meinem Shampoo
nicht mehr in die Augen sehen.

XI.
Von meinem Kühlschrank ist
der Türgriff abgefatzt.
Aber schon vor Jahren.
Also eigentlich kein Grund
für die Milch darin,
immer noch sauer zu sein.

XXVI.
In der Dreiersteckleiste in der Küche
links ein Stecker, Kühlschrank,
rechts ein Stecker, Kaffeemaschine,
in der Mitte kein Stecker.
Anklagend sehen mich zwei Stromaugen an:
Geh, kauf Mikrowelle!

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne - 4. Abetilung: "Kaufen"

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne. Gedankenlyrik.
86 Seiten. 10 Euro.
ISBN 978 3 941936 27 0
Informationen beim Verlag

(Eine hochauflösende Version dieses Fotos gibt es hier.)

Geschichte

Walnuss auf Walze

Ein junger Mann – aber ist er auch wirklich einer? Und was heißt hier jung? – Besser also vielleicht: Eine nach überkommenen Vorstellungen eher als männlich anzusprechende Person von diesseits des Todes fuhr auf einem Leihfahrrad der – nun … sagen wir: der Firma Limone. Da jedes Ding einen Namen hat, einerseits, wir andererseits den sogenannten jungen Mann aber nicht verdinglichen wollen, nennen wir ihn ab sofort Krscheftz. read more / weiterlesen

Geschichte

Das Märchen vom coolen Wolf und den drei kleinen Clubs

Es wurden einmal drei Clubs gelauncht, und man schickte sie in die große weite Welt, und man sagte ihnen, seht zu, dass ihr euch durchsetzt und zu einer angesagten Location werdet. Gelingen aber solls nur einem von euch Dreien – die beiden anderen werden zu Konkursmasse geknetet.
Kaum hatten die drei kleinen Clubs ihre ersten zögernden Tanzschritte im Schwarzwald der Großstadt getan, da schickte das Dancefloor Magazine seinen Herrn Wolf, der sollte abchecken, was hier ginge.

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