Gedichte

Bahnhof verstehen – Bahnhof übersetzen

Bahnhof und Busbahnhof von Hartford, Connecticut mit eine Bus der Linie Peter PanÜber Zeilen, Gedichtzeilen und Titel kann man auf verschiedene Art stolpern. Die Erinnerung ist da, doch das Vermögen, sich zu erinnern, woher eine Erinnerung kommt, hinkt der eigentlichen Erinnerung schwer hinterher. Besonders ausgeprägt ist dieses Missverhältnis dann, wenn es um gefügte Sprache geht – Slogans, Parolen, die catchy sind, Songzeilen und Gedichtfetzen. So ergangen ists dem Duo, das macht, was Duos tun sollen, Katz und Goldt. Zu Beginn ihres Comicbands Adieu Sweet Bahnhof von 2004 schreiben sie:

„Mir ist so, als ob es einmal eine Single-B-Seite der Gruppe ‚Wire‘ gegeben haben könnte, die so hieß“, erläuterte Max Goldt, nachdem er Adieu Sweet Bahnhof in die Titelfindungsdiskussion geworfen hatte.
(…) Eine Befragung des Internets führte jedoch nicht zu ‚Wire‘, vielmehr stellte sich heraus, daß eine uns merkwürdigerweise gar nicht bekannte niederländische Band namens ‚The Nits‘ vor zwanzig Jahren einen Song und ein Album namens Adieu Sweet Bahnhof veröffentlicht hat. Herr Paul Telman vom Management der ‚Nits‘ war so liebenswürdig, uns auf Anfrage mitzuteilen, daß die Gruppe die Zeile ebenfalls „gestohlen“ habe, „from a poem“, dessen Autor ihm aber nicht bekannt sei.

Nun wächst das Internet wie Kohleflöze vor dem Anthropozän – und mittlerweile sind Dichter und Gedicht bekannt: Der Niederländer Wilfred Smit – Sweet Bahnhof, geschrieben 1956.

Hier die Lieder und Texte:

Was noch nicht das Ende der Geschichte ist. Ich habe Wilfred Smits Gedicht übersetzt – oder, sagen wir, ich habe es nachgedichtet. Es geht so:

Sweet treinstation

Treibt man stets weiter aus-
einander? Der Abschied schiebt
eine gar tüdelige Tante zwischen uns.
Verschließ die Augen – ich flieg, du fliehst,
ein Blatt Karten fallenlassen,
weil man uns in die Finger kneift.
Lösch alle Lichter – rasche Schritte
machen den Abschied riesenhaft,
als würd ich stelzend Nebel waten.
Ciao, ciao sweet treinstation –
ein Konvoi Schwerverletzter wartet
ganz still, ganz still auf den vorletzten Zug.

Für einige Fingerzeige in Sachen Holländisch herzlichen Dank an Hendrik Fokken!