Geschichte

Das Haus in der Höhe (2)

Martin Bartholmy: Das Haus in der Höhe (Roman)
580 Seiten, gebunden, 28 Euro
ISBN: 978-3-7526-0492-4

Ein Auszug aus Kapitel 3 (Text und Audio)
Handlungsort und -zeit: Stuttgart, 1940

<Drei Baumeister im Bahnhof>

Am nächsten Morgen, als Carl pünktlich um halb neun eintritt, ist Elsaesser bereits im Bahnhofslokal. Wie er Carl sieht, schnellt er vom Sitz, lacht und winkt mit einer Zeitung, der Times, woher er die wohl hatte?
Elsaesser war alt geworden, wenn auch nur im Gesicht, der Gang federnd, noch immer war der Mann auf dem Sprung, nur dass jeder Sprung seine Unterschrift rund um Augen und Mund hinterlassen hatte. Er erzählt, auch seine Anreise von Berlin her ist mehrmals unterbrochen worden, Fliegeralarm: Nehme an, Görings wilde, verwegene Jagd hat die Briten aus dem Norden geschasst, was? Dafür solls dann, wie man hört, hier unten gefunkt haben.

Er hustet, und Carl zieht ihn von den Leuten weg, aus der Gaststätte, an Gepäckwagen vorbei, auf einen fast leeren Perron. Hier, sagt er zu Elsaesser, sei besser Reden. Der sieht den langen Bahnsteig hinauf, hinunter, nickt, sagt: Ja, lassen sie uns ein wenig ausschreiten, wandeln, ganz peripatetisch, so wie es sich an einem solchen Ort geziemt – der Bahnhof eine säkulare Kirche, wo sich Gedanken zwar nicht zu Höherem erheben, doch umso mehr sich ins Weite, Breite auszudehnen vermögen.

Wie es ihm denn in Berlin ergangen sei, fragt Carl.

Elsaesser schnäuzt, räuspert sich: Je nun, Berlin, was soll ich sagen? Zuletzt habe er ein paar Angebote gehabt, aus dem Ausland, durchaus interessant, aber jetzt, im Krieg, seien allerorten die Bausparkassen leer und Festungen nun eben nicht sein Faible. Er spuckt aus, sagt: Dafür wird es später, ist der Krieg vorbei, wer weiß, wie lange das dauert?, wird es dann umso mehr zu bauen geben, versteht sich – die Zyklen der Baukunst: Untergang und Werden, und auf jeden Krieg folge, wie das Amen in der Kirche, ein Kriegerdenkmal – und meist, uns und den Menschen zum Glück, auch Anderes. Vielleicht erleb ichs noch, man wird sehen… Und wenn die Welt voll Teufel wär, nicht wahr? Fürs Erste baut man sich am besten ein Baumhaus und wartet, bis die Affen nicht länger durch den Wald rasen. Und ists vorbei, steigt man herab, klopft sich das Unkraut vom Gewand, und man sieht weiter.

Wie prüfend tritt Elsaesser mit dem Fuß gegen einen der Träger, sagt: Was dann hier, von all dieser Herrlichkeit, wohl noch stehen wird? Er sieht himmelwärts, sieht Bahnsteigüberdachung. Er sagt: Na, um dies wenigstens ist es nicht schade – neues Gelumpe.

Carl unterbricht ihn: Angebote aus dem Ausland? Woher genau, wenn er fragen dürfe? Und er fügt hinzu: Ich selbst wäre durchaus nicht abgeneigt, nein … ich meine, später einmal … vielleicht – also, damit wir uns richtig verstehen.

Elsasser brummt, schweigt, fragt ihn, ob er von Preis gehört, dem jungen Alfred Preis? … Mit dem, nicht wahr, waren sie seinerzeit in Wien doch eng befreundet. Wie geht es ihm? Man sagt, er sei …

Carl weiß nur Ungefähres, der Postweg ist sehr lang … und jetzt, im Krieg, erst recht. Er sagt: Der Preis, so weit ich weiß, der ist gut angekommen in Amerika, beziehungsweise, auch dort hat es ihn nicht gehalten – der Wandertrieb seiner Sippe –, der ist jetzt, glauben sies?, der ist jetzt auf Hawaii, hat dort wohl auch schon eine Stellung, in einem Baubüro in Honolulu. Tolle Sache. Wenn man das hört, da wird man gleich ein anderer Mensch, nicht wahr? Das hat so einen Klang … das ist Musik – Zukunftsmusik, und ist gewissermaßen ja auch neueste Welt, geboren aus Feuer und aus Wasser, Südsee, Südsee! Holzhütten am Strand und nichts als Palmenwedel zwischen einem und dem lieben Gott, weite Natur und große Möglichkeiten.

Carl sieht zum Himmel auf. Aber da ist kein Himmel, da ist immer noch die Bahnsteigüberdachung. Er sagt: Obwohl … ich nehme an, inzwischen wird auch auf Hawaii nicht mehr rein a natura gebaut, ein Haus mit Hängematten als Schlafstube, Palmwedeln als Dachstuhl – und fließend Wasser nur im Ozean. Statt Orden aber tragen die Hawaiianer, wie man hört, noch immer ihre Blumenkränze – das ist sehr gut: Versuchen sie sich vorzustellen: ein General mit Blumenkränzen. – Eben. – Und entsprechend fern liegt auf diesen selgen Inseln der Krieg.

Elsaesser nickt, sehr gut, sehr gut: Der junge Preis, der macht noch seinen Weg, der kann das, sie werden es, wir werdens sehen – der ist hier weggegangen, zur rechten Zeit. – Aber sagen sie, Palmwedel? Das wäre doch etwas für hier, oder? Elsaesser zeigt auf die Überdachung. Das hätte Stil und funktional könnte das durchaus gelingen. So wie der Palmengarten in Frankfurt, alt und neu, neu und alt. Oder vielleicht besser à la Nikolaikirche, die in Leipzig, wissen sie, mit ihren zauberhaften Säulen? Nur dynamischer, funktionaler müsste man das machen – in Stahl natürlich. – Ob wir das einmal versuchen, Herr von Seitz? Was meinen sie? Man müsste nur, man müsste …

Carls zögerliche Antwort nimmt er kaum mehr wahr. Vorgebeugt hockt er auf einer Wartebank und zeichnet Entwürfe in seinen kleinen Block hinein.

Bonatz ist pünktlich, halber zehn, und von dem Bahnsteigdach aus Palmen, das Elsaesser ihm sogleich erklärt, ist er durchaus nicht angetan: Das, lieber Elsaesser, macht sich auf dem Papier sehr gut, sehr schön und, ich weiß, du zeichnest gerne deine Luftpaläste, bon. Alles auch ganz hübsch, man ist ja Mensch, man will ja sein, und in der Wilhelma, bittesehr, warum auch nicht, da passt das, so ein Urlaubstag vom Alltagstrott – eine Prise Phantastik als Antidot gegen den Katarrh der Kausalitäten. Aber auf der Schwäbischen Eisenbahn, nun ja, da darf es bitteschön solider sein – das muss ja passen, und ins Stellwerk passen Arabesken nicht, nein, nein. Zudem muss dergleichen auch genehmigt werden, und Orientalisch hat zur Zeit nicht eben Konjunktur. Scherereien, lieber Kollege, habe ich genug, auch ohne Unschlitt aus dem Morgenlande, und bei der gegenwärtigen, nun ja, will sagen: Lage, da dauert es noch länger als gemeinhin bis höchstens, bestenfalls der Neubau eines Gartenpavillons genehmigt ist. Zum Exempel, damit sie sehen was ich meine – damit sie sehen, womit ich mich herumzuschlagen habe, erzähl ich ihnen etwas, ganz im Vertrauen, versteht sich, das mir erst kürzlich widerfahren ist, hier mit den Obrigkeiten: Wichtiges Treffen bei Todt, lange anberaumt und lange vorbereitet, alles scheint geklärt. Ich komme ins Büro, Mappe für die Vorstellung des Vorhabens – doch von Todt keine Spur. Da sagt sein Adlatus, so ein ganz junges Bürschchen in nagelneuer Uniform zu mir, der Speer habe gerade angeläutet und …

Es folgt eine ausgedehnte Anekdote, der, wie sie im Kammgang einen Bahnsteig nach dem anderen abschreiten, Carl mit Interesse, Elsaesser zunehmend unmutig zuhört; man siehts, mehr und mehr zuckt er mit der rechten Schulter, brummt, nimmt gar die Brille ab – wenn man schon hören muss, will man das ganze Elend nicht auch noch sehen.

… und, kommt Bonatz zum Schluss, summa summarum, das Holzklump in der Überdachung muss aus dem Bahnhof raus, gar keine Frage, und seis allein wegen dem Brandschutz – da gebe ich den Herren recht. Aber nach dem, nun ja, Luftzwischenfall von gestern, frag ich sie, lieber Elsaesser, frage ich sie, Herr von Seitz, wie stehen da die Chancen, dass jemand – sein Blick geht nach oben – dass jemand dafür auch bezahlt? Er schaut Elsaesser, der vorgebeugt an seiner Brille putzt, auf die hohe Stirn, klopft Carl auf die Schulter und resümiert: Arbeitet ihr die Entwürfe aus, aber keine Palmen, mein lieber Elsaesser – und dann sehen wir weiter. Solange es nicht zu viel kostet, und solange man es mit Kriegsnotwendigkeiten begründen kann … sagen wir einmal: Splitterschutz, Wetter-schutz wichtiger Rüstungstransporte, Tarnung entscheidender Einrichtungen undsoweiter – die Herren verstehen? … Das muss man halt schöpferisch begründen, da muss mehr Schöpfergeist in die Anträge fließen, als in die Entwürfe, dann geht gelegentlich so manches. Die höchste Kunst des Bauens sei häufiger als oft die Diplomatie. So wie er es einschätze, allerdings, würden in naher Zukunft, in mittlerer Zukunft, möglicherweise, die Bauanstrengungen vor allem auf den Luftschutz gehen, die Expansion kriegswichtiger Betriebe und was dergleichen mehr. Nur ein Beispiel: Er habe munkeln hören – also, mehr als munkeln –, man wolle einige besonders wichtige Bauwerke schützen, indem man sie kopiere : Vorspiegelung falscher Tatsachen, sie verstehen. Denn, gestern habe es sich ja gezeigt, auf einen Schlag gezeigt, mit bloßer Tarnung der Gebäude sei es nicht getan.

Bonatz klopft auf ein Plakat Marke Jägermeister, sagt: Dem Kollegen Schlemmer seine Camouflage am Gaskessel in Gaisburg hat die Feindflieger jedenfalls nicht in die Irre geführt, nein, ganz im Gegenteil hat sie das Gepinsel, wer weiß?, vielleicht sogar angezogen, schwer zu sagen … und, sei es, wie es sei, die Parole laute nun: Ende der Malerei, Beginn der Plastik. Sowie, weg vom Beton, zurück zu Planen, Matten, Holz und Lumpen, und daraus wird dann, so wie in der Lehrzeit, ein schönes Modell gebaut – nur eben ein Modell im Maßstab eins zu eins. Und dieses müsse, das sei dabei die besondere Herausforderung, just so zusammengezimmert und -tapeziert werden, dass es von oben überzeugt, denn die moderne Perspektive sei nun einmal die Vogelperspektive – Potemkinsches Dorf quasi, nur dass der Generalinspektor heut mit dem Flugzeug kommt.

Vielleicht, Bonatz klopft gegen einen Güterwagen, wird es sogar den Hauptbahnhof bald als Attrappe geben. Für mich natürlich eine große Ehre, große Ehre, denn nur wenige Bauwerke würden von den Zuständigen als derart schutzwürdig eingestuft. Ich seh es schon, sagt Bonatz, aus Rührung steht er vor seinem Gebäude stramm, … ich seh es schon, wie die Studenten, statt ihre Märklinmodelle zu leimen, bald den großen Entwurf wagen – auch nicht verkehrt, lernt man am besten doch, indem man den Meister nachahmt. Und die Moral von der Geschicht: So manches Böse, wie man sehe, habe doch im Endeffekt – auf lange Sicht – sein Gutes, gewissermaßen.

Bonatz salutiert, wendet sich ohne weiteren Gruß und geht, wohin, weiß nur er selbst. Elsaesser hustet, bläst die Nase in ein großes Schnupftuch, zieht seine Weste straff, nickt, wippt mit dem Kopf in die Richtung, in die Bonatz verschwunden ist, und sagt: Er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben.

Martin Bartholmy: Das Haus in der Höhe (Roman)

Martin Bartholmy: Das Haus in der Höhe (Roman)
580 Seiten, gebunden, 28 Euro
ISBN: 978-3-7526-0492-4
Eine hochauflösende Version dieses Fotos gibt es hier.