Geschichte

Haushaltsgeräte und einige ihrer Epigonen, Folge 7 + 8

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7. Das Wiegemesser

Messer sind nach dem Verwendungszweck zu wählen. In der Küche leistet das kleine Küchenmesser die besten Dienste, während man zum Brot- oder Schinkenschneiden eines langen Messers bedarf. Als zweckmäßig haben sich dabei sägeförmige Messer erwiesen, mit denen sich auch Tomaten leicht schneiden lassen. Messer aus rostfreiem Stahl sind sehr praktisch, verchromte Messer müssen nach dem Schleifen neu verchromt werden. Man reinigt alle Messer, auch Tischmesser, in warmem, nicht heißem Wasser, entfernt Flecke mit Putzpulver und einem Korken und poliert sie auf einem gespannten Stück Leder. Rost lässt sich mit Asche und Petroleum abreiben. Zwiebelgeruch entfernt man, indem man die Klinge mit Salz abwischt.

Mein Lieblingsmesser ist das Wiegemesser. Leider habe ich nur selten Gelegenheit es zu benutzen. Seine Bewegung ist sehr ausgeglichen. Mit Schnittlauch und auch mit Petersilie macht es interessante Geräusche. Gut in der Hand liegt es nicht, liegt es doch in seiner Natur, dass es beidhändig zu bedienen ist.

Zum Wiegemesser gehört sein Gegenpart, eine Holzplatte mit untiefer Vertiefung. Diese, so sagt man, diente früher einem Zyklopen als Ablage für seine Kontaktlinse. Wer das sagt, habe ich vergessen, aber betrachte ich die quadratische Holzplatte und ihre sanft sich senkende Mulde, dann bin ich mir sicher, das ist die Wahrheit.

Dass der Zyklop bereits über ein Wiegemesser verfügte, glaube ich nicht, denn weshalb sollte er seine Kontaklinse zerschnibbeln? Das wäre ja absurd! Und dass er, trug er die Linse, den Linsenbehälter zur Essenszubereitung verwendete, ist ebenfalls unwahrscheinlich, hätte er dann doch anschließend die Platte ohne Ende schrubben müssen, wie jeder weiß, dem einmal ein Fremdköper ins Kontaktlinsenbehälterchen gefallen ist, ein Haar zum Beispiel. Außerdem, sagt man, fraß der Zyklop nur Menschenfleisch, und da wären Haare ohne Zahl auf dem Brett haften geblieben! Also nein, das Wiegemesser kannte der Zyklop noch nicht, das Wiegemesser erfanden nach seinem Ableben die Menschen, und die schnibbeln seither darauf Grünzeug wie Petersilie und Schnittlauch, und sie tun es weiter, obgleich es lange schon kein Zyklopenfleisch mehr gibt, welches man damit aufs schmackhafteste garnieren könnte.

So ist die Welt, so sind die Zeitenläufe – immer Veränderung, ein ewiges Hin und Her – und eben das sagt uns als Sinnbild das Wiegemesser. Schön und nützlich ist es zudem, und was mehr kann man von einem Sinnbild verlangen?

8. Der Bratenwender

Im Internet drin steht, dieses Gerät sei unter einer Vielzahl von Namen bekannt, nämlich als Backschaufel, Bratschaufel, Bratenwender, Pfannenwender, Schlitzwender, Nehmgerät und Küchenfreund. Sachen gibt es! Obwohl, zu sagen: Mein Nehmgerät, der Küchenfreund – das hätte Stil.

In eben diesem Netz macht man mit dem Bratenwender auch Sachen, in deren Genuss früher nur Bücher kamen, man rezensiert sie. Was hört man da nicht alles.

Ich habe diesen Pfannenwender bestellt, um ihn in meinen flachen Edelstahlpfannen zu benutzen. Da ich gute Verarbeitung erwartet hatte, bin ich sehr enttäuscht: Das Material ist ganz dünn, so dass man es leicht verbiegt, wenn man Angebranntes aus der Pfanne kratzt.
Mein Fazit: Ich benutze diesen Wender nur selten, und ziehe meinen alten, Billigwender vor, ist der doch viel stabiler.

Mit diesem Pfannenwender bin ich nicht zufrieden. Kartoffeln und Eier kleben an der Spitze des Pfannenwenders, ich bekomme sie nur sehr schwer wieder ab, und anschließend sind dunkle Stellen zu sehen, die man auch dann nicht abbekommt, wenn man das Metall mit einem Korken poliert oder mit Asche und Petroleum abreibt.
Bei einem Pfannenwender sollte man eigentlich auch auf Qualität achten, denn kleben Essensreste daran, bekommt man das Spiegelei nicht mehr glatt aus der Pfanne.
… Heute ist der Pfannenwender abgebrochen. Tja, was soll man dazu sagen?!

Mein alter Bratenwender hat lange gute Dienste getan. Er ist nicht abgebrochen, hat weder Flecke noch Pickel bekommen, keine Verbiegung konnte ich feststellen – und dabei wurde er immer wieder, außer zum Wenden, auch zum Kratzen und Schaben missbraucht. Der Form nach könnte er aus den 1960er Jahren stammen, was auch insofern passt, als ich ihn nicht gekauft sondern quasi im Vorlass geerbt habe. Seine Form ist so zeitlos wie sein mattes Grau. Vielleicht dass man damit schon in grauer Vorzeit Gebratenes wendete: Seelen im Fegefeuer beispielsweise? Und das so lange, bis einer dem Herrn Tetzel einen Groschen gab.
Da mein Bratenwender aus reformiertem Gebiet stammt, stelle ich mir vor, er wurde arbeitslos, nach der Reformation, und da er nun einmal da war, vorhandenen, Gottes oder sonst jemandes Geschöpf, und so zeitlos schön, suchte man für ihn eine neue Aufgabe und fand diese im Bratenwenden. So ist dem Braten gedient, dem Bratenesser, dem Bratenwender selbst, und auch das ein oder andere Spiegelei hat er kulturell gehoben, ohne dieses dabei durch Reste anderen Essens zu beschmutzen.

Ein Bratenwender dekoriert mit Kunstblumen und ein Wiegemesser vor eine Blechdose auf welcher in einem Blumentopf ein Kaktus steht

Ein dynamisches Duo für alle Lagen – Der Bratenwender und das Wiegemesser
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)