Gedichte

Pflicht und Kür (13)

Ein Wochentagebuch in zwei Teilen
25. Kalenderwoche 2020

>> 24. Kalenderwoche

(13.1)

Wenn ich jetzt, und ich wüsste nicht warum,
wie wo was sagte, einfach nur mal so,
und nachher dächte ich, das war sehr dumm,

könnt ich dann sagen: Ach, was solls – hallo?
Denn redt man nicht sehr viel den ganzen Tag?
Oder ich sag: Na, war halt son Bonmot.

Einer findts lustig und der andere mag
son Schwachsinn nicht, sagt: Das ist doch debil!
Dem sag ich glatt: Nu, wenn ich es ertrag,

dann mach du jetzt mal keinen auf subtil,
weil Klugschnack, das ist ja die größte Pest,
und sagt man weniger, dann sagt man viel,

und viel gesagt heißt, Schweigen ist der Rest,
denn still sein, wichtig tun, ist keine Kunst,
da gilt es nur, dass man die Lippen presst,

doch Worte zeigen, man hat einen Dunst,
hat was zu sagen – ob mans denn auch kann
ist eine andere Frage, doch wenns funzt,

dann fängt das Reden eigentlich erst an,
und Ausdruck heißt nicht, es hat Hand und Fuß,
doch müht man sich und atmet, tönt, ja dann,

entsteht der allerschönste Redefluss,
der fließt und springt und flutet, schwappt voran
und klingt so schön, ist es auch großer Stuss,

doch geht es weiter, hört nicht auf, dann kann
der schönste Fluss sich staun zu Überdruss,
staut sich und wächst und schwillt bis irgendwann

es wirklich reicht und dann ist endlich Schluss.

(13.2)

Der Strich durch die Rechnung,
hört es damit auf
oder fängt es damit an?

Stellenausschreibungen signalisieren
feste Gewohnheiten.
Langsame Straßen setzen sich
beim Atmen in dem Land, das ich liebe,
nur langsam durch.

Der Streich auf die Backe,
folgt die andere
oder kommt das Kinn?

Historische Arbeitsplatzverluste
machen Teambildung schwierig.
Die Auswirkungen des Coronavirus
führen bei der Trennung von Spielern
möglicherweise zu Problemen.

Der Stich ins Hers,
trifft er die Kammer links, rechts
oder ist das egal?

Viele sammeln sich am 19. Juni,
entlasten die Polizei.
Ins Casino zu gehen ist ein Glücksspiel.
Die Agenda der Senatsdemokraten
umfasst die Polizeireform.

***

Schlaglöcher pflastern die Straßen der Stadt und,
wird geschossen, gibt es dafür Mikrophone,
deren Aufnahmen, gesammelt, gesampelt,
an die Jingle-Fabriken verkauft werden,
von wo sie, gemixt und gemastert,
zurückfliegen, von den Schlaglöchern prallen
und uns mitten zwischen die Ohren knallen.

Jeder Anfang, jedes Ende,
kann ein beliebiger Punkt sein
auf einem Kreis,
ein Beat von vielen
in einem Loop
dam-dam-di-dam-dam-di-di
sowie ein Ton einer Melodie,
und doch kommt es darauf an:
Pfeifen wir sie mit
oder pfeifen wir auf sie.

Denn dein ist,
denn dein,
denn dein ist die Kraft,
die Kraft
und die Möglichkeit,
die Möglichkeit heute und jetzt
ist dein.
Das ist alles. Das ist viel.
Was weiter wird,
ist nicht bekannt.
Das ist dein.
Das ist viel.

Eine Betonwand, genauer, eine Flutschutzmauer mit rissiger Gummidichtung. Auf dem Beton stehen die beiden Zahl 1 und 2.

Unvollständige Rechnungen mit defektem Strich sind schwer zu lösen
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)

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