Gedichte

Pflicht und Kür (12)

Ein Wochentagebuch in zwei Teilen
24. Kalenderwoche 2020

>> 23. Kalenderwoche

(12.1)

Triebe treibens grün und bunt,
doch die Krume krönt Beton,
Knospen tragen Kopfverband,
unterm Pflaster liegt der Mohn.

Früchte reifen, schwellen, drall,
doch dann Schockfrost, Kälte, jähe,
Sommer wird nicht voll, nicht voll,
voll jedoch die Tiefkühltruhe.

Blätter hängen, welke, welke,
hängen fest an der Kandare,
blutigrote, gelbe, gelbe,
fallen nicht, da Wegfallsperre.

Flocken stocken leise, weiße,
kleben in der Zuckerwatte,
drehen sich im Kreis, im Kreise,
fest verdrahtet – Marionette.

Triebe treibt es tief und tiefer,
es zieht sie hinab ins Es,
blühen, werden ich und icher,
Über-Ich sagt: ernte, iss!

(12.2)

Ich geh meinen Weg,
und ist er aufgegangen,
und ist er abgegangen,
ist er weggegangen,
ist er ausgegangen, der Weg,
dann ist er weg.

Der Zweck des Wegs
ist das Unterwegs,
und kommt
man an,
dann ist
er weg;
er hat seinen Zweck erfüllt,
so wie ein Zweig den Baum erfüllt,
denn Fülle meint: Bald ists vorbei.
Ist der Weg aber zugemüllt
mit zerknüllten Karten,
manipulierten Fahrtenschreibern,
ists besser, man lässt ihn links liegen
(bequemer ists eh zu fliegen).

Der Weg kommt vor der Strecke,
seine Schlaglöcher sind geflickt, mit guten Vorsätzen.
Der Weg kommt vor dem Bereiter,
seine Ränder sind geplankt mit größten Vorsichten.
Der Weg kommt vor dem Weiser,
sein Pfahl ist beklebt mit kryptischen Nachrichten,
Der Weg kommt vor dem Fall,
sein Grund ist die zu große Nachsicht.

Zwei Striche,
Abstand,
dazwischen Fläche,
seitlich Rand,
vorne gehts weiter,
hinten auch.
Was draus wird,
bestimmt der Gebrauch.

Weg ist der Weg, den ich ging,
ist ausgegangen,
ist weggegangen,
ist ausgelaufen
und ist abgelaufen,
der Weg ging, und ich bleibe
… stehen.
Ich dreh den Kopf,
links rechts, rechts links,
und unten, oben, vorn,
ich finde eine neue Strecke, wende
und weiter gehts, immer weiter, bis
Ende
Gelände.

Eine vielfach geflickte Asphaltdecke sowie die Ecke einer begrünten Verkehrsinsel

Die Vielzahl des Wegeangebots trägt in der Regel zur besseren Findung nicht bei
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)

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