Gedichte

Pflicht und Kür (17)

Ein Wochentagebuch in zwei Teilen
29. Kalenderwoche 2020

>> 28. Kalenderwoche

(17.1)

Ich dreh mich, sehs – und gehe
weiter wohin ich ging,
ich geh, dreh was ich sehe
in Gedanken, denn das Ding
lässt nicht los, ich verstehe
nicht wie das zusammenhing,
doch wie ichs wende, drehe,
es bewegt sich im Ring.

Hoch oben ziehen Wolken,
drunter zieht der Verkehr,
und aufs Wolkenziehn folgen
ohm Sonne, unten mehr
Autos, sie hupen, rasen,
Autos – halten nicht an,
und von den Abgasen,
trän mir die Augn, ich kann

Wolken, Sonne nicht sehen,
dafür hör ich den Knall,
der Verkehr kommt zum Stehen,
dass geht nur per Unfall.
Autos, sie hupen, halten,
Autos sehen dich an,
Motorblöcke erkalten,
Getriebe ohne Gang.

Schwarz-weit steht in der Runde
– fünf Straßen münden ein -,
eine recht kunterbunte
Runde Führer mit Schein,
und sie blickt auf die wunde
Stelle, wo einer ein klein –
Bruchteil Sekunde zugrunde …
und fuhr in’n Tieflader rein.

(17.2)

Die Berkshires – das reimt sich auf Jörg Meyers;
der englische county Berkshire hingegen reimt sich (ungefähr)
auf barsche oder Marxsche (naja, wie gesagt : ungefähr)
– Jörg Meyers Berkshires also,
im Bundesstaat Massachusetts,
haben viele Städter als Ruhesitz,
als Zweitwohnsitz mit Beschlag belegt
(nicht irgendwelche Städter, natürlich),
und entsprechend ist die Landschaft stark eingehegt
(aus ökologischer Sicht willkürlich).
Streng ist die Schönheit, frei ist der Markt,
wo Outlets locken, wird viel und gern geparkt.

Viele Main Streets hier,
viele einzelne Gebäude
sehen noch heute
so aus wie einst,
aber die Autos, Leute
passen dazu nicht,
weder nach Mode, noch nach Gesicht,
sie fallen aus dem Rahmen,
sind restaurierungsresistent,
wollen anders sein als die Ahnen,
die Norman Rockwell eingescannt
und gemalt hat, und doch
sehnen sie sich nach dem Kram,
denn der scheint ihnen noch
aus einer Zeit zu sein, die arm,
aber echt echt war, nicht wahr?
Sie nehmens für bare Münze,
die Gewerblichen nehmen Karte und bar.

Wir wollen unsere alte Königin wiederham,
Koninginnendag! Koninginnendag!
Wilhelmina, Wilhelmina,
sie kam in die Berkshires ins Exil,
von ihren Axthieben fiel
Baum um Baum, bis man sie
Paul Bunyan von Oranien nannte,
ihren Namen kannte
nicht nur die holzverarbeitende Industrie,
sondern Wilhelm …
Wie bitte? Achso, achja?
– Oh, sorry, falscher Film.

Im dichten Wald ists schwül,
weil im Frühjahr viel Regen fiel,
und von den Hügeln fließt der wohin?
Na, was glaubste? – Denke, denke.
– Logo, der fließt in die Senke.

Für ein Gedicht,
sagst du,
ist das zu schlicht?
Na gut, geben wir zu:

Der dichte Wald ist struppig wie ein Dickicht.
Der feuchte Sumpf ist nass wie ein Sumpf.
Der Sumpfboden federt wie ein Federball auf dem Federbett,
nur anders.
Die Matratze, auf der ich liege,
und von der aus ich in die Hügel blicke,
in den Wald, den dichten,
diese Matratze gibt nach wie Sprungfedern.

Oft sind die Dinge einfach nur sie selbst,
sind selbst-identisch,
ein Ent ist entisch,
ein Wirt bewirtet und ein Parasit befällt.

Eine Metapher ist ein Parasit,
sie saugt aus dem Ding das Leben,
um es einem anderen Ding zu geben.
Ein USB-Stick – wie die Grabstele
eines alten Science-Fiction-Roboters
– und schon ist mein USB-Stick weg
(die Dinger sind aber auch leicht verlegt).
Elefanten, die auf Inseln verzwergen,
sind sie nicht wie Zwerge hinter Berge?
Kaum schreibe ichs, sind beide ausgestorben,
der Vergleich hat ihnen das Leben ausgetrieben,
sie wie A und E aus dem P vertrieben.

Bienen wie Stiche eines Kuchens,
Igel, invertierte Nadelkissen,
Hühner – Augen, die verfluchen,
eingewachsener Nagel, eine Hornisse.
Vergleiche nie ein Tier mit Schmerz,
denn es fühlt nicht wie du den Scherz.

Ein Kreis ist keine Null.
Ein Kreis ist kein Oh!
Ein Kreis hat was mit Pi.
Ein Kreis ist was wo
nicht anfängt, nicht endet,
doch hat er eine Mitte,
ruht in sich
(er dreht sich nicht um dich)
er ist r – u – n – d d – n – u – r
und entsprechend denke dran, bitte,
wenn du ihn vergleichst,
bist du wie der Dritte
Mann, wie Freddy Krüger,
wie Jason Voorhees,
wie Dr. Mengenlehre,
wie Graf Zahl,
nämlich ein Spielball,
der sich in einem Bezugssystem bewegt
und dabei meint, er allein bewege,
um ihn drehe es sich,
doch, dreh es, oh Seele,
vielleicht dreht man,
bewegt man hier dich,
und wie ein Kreisel,
der sich laut und knallbunt dreht
kommst du dir vor, dir geht
es super, du bist erregt
und dabei bist du ein Meisel,
auf den ein Hammer schlägt.

Ein Steg über einen Bach inmitten von Gestrüpp - sowie eine rosa Schlaufe und rote Beeren

Wäre ein Brückenschlag ein Gedicht, er trüge dich nicht
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)

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