Gedichte

Pflicht und Kür (18)

Ein Wochentagebuch in zwei Teilen
30. Kalenderwoche 2020

>> 29. Kalenderwoche

(18.1)*

Gleich um die Ecke wuchs Katharine Hepburn auf,
der Vater Arzt, die Mutter Suffragette,
und nebenan wohnte Mark Twain, campte Huck Finn
(Twain rauchte Pfeife, Hepburn Zigarette).
Viele Bücher, viele Filme,
die meisten Oscars, der Top-Roman.
Was noch? – Ein Buch, dass die Frage bejahte,
ob Literatur die Welt verändern kann.

Onkel Toms Hütte
war ein Hit.
Die Leser, erschüttert,
litten mit.

Zwei Blocks stadteinwärts steht heute der Tempel Nr.14,
den Malcolm X (auf dem Sprung von Spingfield nach Atlanta) gründete.
Was hätte der Kopfnüsse gewohnte Connecticut Yankee dazu gesagt,
dass Muhammed seine Lehre ausgerechnet hier verkündete?
Was nicht zusamenzupassen scheint,
eint oft eine innere Symmetrie.
Ähnlichkeit ist Oberfläche : Abklatsch, Abbild,
eng verbunden (schwer ergründlich) sind Praxis und Theorie.

Schreiben ist Handeln,
Schreiben ist Denken.
Was du behandelst,
ist nicht immer zu lenken.

Am anderen Ende des Landes, tief im Süden, in Angola,
saß Albert Woodfox 40 Jahre in Einzelhaft : solitary.
Heute wächst in seiner Zelle Baumwolle,
Indigo, Tabak, Zuckerrohr (no huckelberries),
wächst, Spalier als Gitter, in einem Garten, wo
Onkel Toms Hütte stand – entstand, vor 170 Jahren
und Harriet Beecher Stowe
pflanzte und goß (wenn sie nicht arbeitete und gebar).

Sie bekam sieben Kinder;
sie schrieb
ein dutzend Bücher.
Eines blieb.

Am selben Ort, am anderen Ende der Zeit,
sitze ich und zur Abwechslung schreibe
ich heut mal so’n wenig wie zu ihrer Zeit
Beecher Stowe : Ist das Anliegen groß, leidet die Schreibe.
Aber manchmal ist das OK, ist das all right
– wer schreibt schon, nur damit es bleibt?
Man schreibt, weil mans kann oder weil einen eine Frage umtreibt,
wobei, in letzterem Fall, die Schönheit meist auf der Strecke bleibt.

Onkel Toms Hütte
war ein Hit.
Wir heute nehmens
als Info mit.

(* Dies ist ein erster Test einer neuen Gedichtform : Ich nenne sie Karst und Kiesel.
– Warum? – Sieht man das nicht?)

(18.2)

Sehr geehrter Herr Pölking,
Sie kennen mich nicht,
ich kenne Sie nicht,
das heißt, wir befinden uns auf Augenhöhe,
bildlich gesprochen, denn ich sehe,
Sie sind 2 Meter 6,
bei mir reichts nur für 1,92,
aber bildliche Augenhöhe genügt,
wir stehen uns ja nicht gegenüber,
und was Sie zu sagen haben,
betrifft auch mich,
und das obwohl wir eben
in zwei Städten, zwei Ländern leben,
trotzdem überschneiden wir uns, Sie,
als Afro-Deutscher
und ich,
als Deutsch-Amerikaner.

Die U-Bahn-Station
Onkel-Toms-Hütte,
in Berlin,
fordern Sie in einer Petition,
ist umzubenennen,
da es rassistisch sei
jemanden Onkel Tom zu nennen.

Eine U-Bahnstation nennt jemanden etwas?
Eine interessante Vorstellung:
Warum nennt mich diese Station Hermannplatz,
wo ich doch gar nicht Hermann heiße – Frechheit!

Was, vom Roman ganz abgesehen,
– siehe, was weiter oben steht -,
was also die Bezeichnung Onkel Tom angeht,
und ihren diskriminierenden Gebrauch,
ist Onkel Tom nicht vielmehr etwas, was
ein schwarzer US-Amerikaner
einen anderen schwarzen US-Amerikaner
schimpft – genauer: schimpfte,
denn das geschieht nicht heute,
sondern das war
in den 1960er,
in den 1970er
Jahren,
aus Gründen, die wir uns hier sparen,
denn sie haben mit dem Bahnhof,
mit der Straße
nichts zu tun.

Wenn jemand Sie persönlich,
frech ins Gesicht,
Feirefiz nennte,
wobei, Entschuldigung,
das kennen Sie jetzt nicht,
wenn jemand zu Ihnen sagte,
Sie hätten “la saleté”,
dann könnte ich verstehen,
dass Sie eingeschnappt wären
(soweit mir bekannt,
werden nur Westafrikaner
– sogenannten Mischlinge -,
von anderen Westafrikanern so genannt).
Hingegen, etwas wie einen Bahnhof,
einen Straßennamen,
auf sich selbst zu beziehen,
das persönlich zu nehmen,
zeugt von zweierlei:
einer gewaltigen Selbstüberschätzung
– die Welt bezieht sich
in der Regel
nicht auf Sie,
nicht auf mich –
sowie von einem Desinteresse
an eben dieser Welt,
die einem nicht gefällt
und von der man auch nichts wissen will,
wenn man sich
nur für sich selbst
interessiert.

So weit die Invektive. Puh.
Aber das musste,
denn Sie wussten,
als Sie Ihre Petition aufsetzten,
ja so gut wie nichts.
Was verzeihlich ist,
man kann lernen,
so lange man lebt,
(und allzu lange leben Sie noch nicht),
und vielleicht, Vorschlag, lesen Sie
– amtlicher gehts kaum –
was Henry Louis Gates Jr.
über Onkel Toms Hütte schrieb.
Und dann noch das ein oder andere mehr.
Und melden sich anschließend zu Wort.
Das wäre ein Anfang.

Der "Solitary Garden" - eine Installation von jackie sumell im Garten des Harriet Beecher Stowe Center zu Ehren von Albert Woodfox, der 43 Jahre in Einzelhaft saß.

Pflanzen lassen sich kaum in Einzelhaft halten. Menschen sollten nicht in Einzelhaft gehalten werden.
Der “Solitary Garden” – eine Installation von jackie sumell im Garten des Harriet Beecher Stowe Center zu Ehren von Albert Woodfox, der 43 Jahre in Einzelhaft saß.
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)

>> 31. Kalenderwoche