Gedichte

Pflicht und Kür (10)

Ein Wochentagebuch in zwei Teilen
22. Kalenderwoche 2020

>> 21. Kalenderwoche

(10.1)

“People” – what’s that in French?
I think the French say: Mensch.
Nee, quatsch, die sagen “humain”,
einfach zu merken, denk: Teint.

Oh what a terrible stench!
Ich rieche, rieche Unmensch.
Der Geruch ist so akut,
it truly must be a brute.

Watch out – attention!
Auf der Straße gehen Menschen.
What’s wrong with these people?
Och, bist du wieder penibel.

For better crime prevention
verbot man die Unmenschen,
yet still we’re left with a monster,
das dich frisst, denn es reimt sich nicht.

(10.2)

Wenn sich etwas nicht ändert,
wenn sich etwas nicht,
wenn sich etwas nicht ändert,
bleibt es gleich – Schatten, Licht
bricht sich nicht, bleibt ungebrochen
– oder kann man hoffen?

Wenn sich etwas nicht ändert,
wenn sich etwas nicht,
wenn Menschen nicht arm sind,
wenn Menschen nicht,
wenn Menschen nicht arm sind
dann sind sie reich.
(OK – stark vereinfacht,
doch gehts nicht einfach
darum, dass man sich einen
Reim drauf macht?
– Nein?)

Wenn Menschen nicht gleich sind,
dann sind sie anders,
wenn Menschen nicht gleich,
wenn Menschen nicht gleich sind,
dann sind sie
anders oder ungleich
oder gleich aber anders
oder anders und ungleich.
Das alles ist möglich.
Aber arm und reich,
das ist nicht möglich,
Außer in irgendwelchem Glauben,
dem Daumenschrauben
als Mittel zum Seelenheil taugen.
Uns hilft kein höherer Retter;
in der physischen Welt ohne Meta
gilt: Spring hier, hier ist Kreta.
Oder so ähnlich – ‘s ist gehupft wie gesprungen,
nicht wahr?

Durch den Rahmen
meiner Brille
seh ich dein Gesicht.
Es ähnelt meinem nicht.

Aber was heißt ähnlich?
Dein Gesicht
ähnelt meinem nicht.
In welchem Rahmen?

Ist der Rahmen fix,
der Kreis geschlossen,
sind die Schotten dicht,
erkennen sich
die Abgeschotteten
im Spiegel des eigenen Displays,
Filterblase, Selbstähnlichkeit,
und in, sagen wir, Westport, CT,
zirka 28.000 Einwohner und eine
der reichsten Städte der USA,
sind die Zahlen klar:
93 Prozent
4 Prozent
1,2 Prozent
plus ein paar Zerquetschte
(Ethnien bitte raten und eintragen).

Wie das geht?
Ganz einfach – per Bebauungsplan, heißt: zoning,
denn nicht jeder kann sich hier eine Wohnung
leisten, bzw. Wohnungen sind überhaupt verboten.
Erlaubt ist allein
das Eigenheim,
und auch das darf nicht zu klein sein,
Land und Grün drumherum,
damit in der Summe
nur Leute wie die,
die dort leben,
dort leben können.
Die saubere Trennung
hilft der Polizei zu erkennen,
wer hier nichts verloren hat
(außer eventuell eben das Leben),
und so schließt sich bei jeder Kontrolle
der Kreis,
– der wievielte Kreis der Hölle?
Ich weiß,
auch die gibt es nicht,
nur mag man an sie leichter glauben,
als an ihr Gegenstück.

Wenn sich etwas nicht ändert,
wenn sich etwas nicht,
wenn sich etwas nicht ändert,
bleibt es gleich – Schatten
lichtet sich nicht,
kann man dann
muss man dann
kann man
muss man
man kann
muss
Schluss

Bürogebäude, Hochbeete, Kunst im öffentlichen Raum und eine US-Flagge auf Halbmast

The State of Matter ( = Aggregatzustand)
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)

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