Gedichte

Pflicht und Kür (9)

Ein Wochentagebuch in zwei Teilen
21. Kalenderwoche 2020

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(9.1)

Wie ich um den See geh,
seh ich da am Wege
kregle, flinke Zwerge
am Werk – sie zimmern Särge.
Was, denk ich, macht sie so heiter?
Denk es, und ich gehe weiter.

Wie ich diese Gasse hasse,
lassen viele hier doch Wasser,
nasser Asphalt, klamme Mauer,
krasser Stank, Putz vollgesauter.
Warum, denk ich, sind so viele hier?
Frag mich und ich sag mir: Ist ihr Bier.

Wie ich um den Teich schleich,
leichten Fußes im Feuchtbereich,
seicht das Wasser, Boden weich,
obgleich gleich hinterm Deich,
frag ich mich: Was ist das – Wasser?
Und: Ist das die Steigerung von nasser?

Wie ich meine Beete jäte,
tret ich in die Rote Beete,
röte meine Sohlen, Senkel,
selbst die Schenkel sind besprenkelt.
Weshalb, denk ich, spritzt da so viel Rot?
Fast siehts aus, als wär die Knolle tot.

Wie ich an den Fluss muss,
Stuss mir aus dem Kopf flus,
Flusen fliegen fort nach …
– ein Geräusch – etwas brach.
Was war das, welche Gewalt …?
Vor mir im Deich, seh ich: ein Spalt.

Wie ich übern Friedhof laufe,
doof vom Regen in die Traufe,
schnaufe, alte Engel sehe,
gehe – wen seh ich da stehen?
Zwerge mit Meterstab, mit Hobel.
Ich winke ab, zeig ihn nen Vogel.

(9.2)

Am Telefon sagt meine Frau:
Bett, Bad und darüber hinaus
ist fürs Erste wieder offen
– brauchen wir was?
Wir brauchen nichts,
sage ich, nein, sage ich,
wir haben was wir brauchen.
Lass uns spazieren gehen,
lass uns laufen, verschnaufen,
Gesicht an Gesicht,
dann kann ich dir, dann kannst du mir
tief in die Augen sehen
– mehr braucht es nicht,
Hauptsache Wetter schön.

Hier spricht ihr Governeur:
Unter Wahrung gewisser anderweitig definierter Regeln,
sind im Freien die folgenden Aktivitäten gestattet –
Reitsport, Campen, Boot fahren (max. 5 Personen),
Angeln, Go-Kart-Fahren (vorausgesetzt, das eigene Go-Kart wird mitgeführt),
Golf, Tennis, Autorennen (nur Aktive), Sportschießen,
Kajakfahren, Segeln, Kanufahren, Brettpaddeln,
Geländerad- und Geländemotorradfahren (Training),
Minigolf, Schlagballübung, Bogenschießen, Seilrutscherei.

Joggt man nicht, fährt man nicht Rad,
in der Stadt – am Fluss oder im Park,
ist dann
Menge
zwänge
eng
Gedränge?
Ach wo.
Im Park am Fluss Connecticut
gibts wie der Name sagt,
viel Platz und dito einen Parkplatz,
von wo die Autos
gelangweilt, neidisch, entspannt,
man sieht es ihnen nicht an,
oder trotzig, verzückt, mokant,
auf den Fluss schauen
und den freilaufenden Autos lauschen,
die am anderen Ufer,
in ihrem Habitat,
über die Autobahn brausen.
Herrchen, Frauchen sitzen derweil im Wagen,
bis auf wenige Mutige, die wagen
sich ein paar Schritte hinaus,
wo sie stehen und sehen
wie wir beide vorübergehen.

Alles was steht, dreht sich nicht.
Oft fällt ein Brettpaddler vom Board.
Am Ende des Tunnels herrscht schlechte Sicht.
Wenn einer schießt, ists manchmal Sport.
Ein Go-Kart ist ein Minigolf,
ein Fuß ein Rad mit Zehen,
ein Pedelec ist wie ein Wolf,
es scheitert an der Wand aus Stein.
Viel sehen heißt noch nicht verstehen.
Vergleiche ohne orthopädische Schuhe hinken.
Grüß Gott, sagt, sieht es einen Schinken,
zu ihm das dumme Schwein.

Ein Baseballplatz mit Schlagkäfig

Fehlende Schlagballübung führt zu Feenkreisen
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)

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