Gedichte

Pflicht und Kür (8)

Ein Wochentagebuch in zwei Teilen
20. Kalenderwoche 2020

(8.1)

>> 19. Kalenderwoche

For my man Guru,
wherever you are.

Meist häng ich lässig, doch locker schalt ich um,
trag Paul Smith in Kombo mit was von H&M,
hol mir ne Messenger-Tasche von Goyard,
und dann – ach quatsch : Alles gar nicht wahr.

Geld her, Geld her – shoppen
Geld hin, Geld hin – shoppen
Schneefall – scheißegal, Sonne, Wind und Regen,
wir warn in der Mall, Geld ausgeben.

Sonnenbrille: Prada, die Schuhe: Magli,
am Arm ne fette Fossil, nen iPhone SE,
und für den kleinen Hunger Seeigelrogen,
dazu – ach Schwachsinn, ist doch gelogen.

Geld her, Geld her – shoppen
Geld hin, Geld hin – shoppen
Schneefall – scheißegal, Sonne, Wind und Regen,
wir warn in der Mall, Geld ausgeben.

Die Flaschen von Cristal, der Quirl von Tiffany
meine chica poppt nur im Body von Gucci,
meine Kids tragen Dior, meine Enkel Chanel
mein Hund … alles Stuss, nichts davon ist reel.

Geld her, Geld her – shoppen
Geld hin, Geld hin – shoppen
Schneefall – scheißegal, Sonne, Wind und Regen,
wir warn in der Mall, Geld ausgeben.

Die Mall ist dicht – shoppe ich halt virtuell,
nehm mein Second-Life-Basket, grabbe XL-
Klamotten, die brauch ich, hab Hüften-Boom,
Mangel an Bewegung, an Geltungskonsum.

Geld hin, Geld hin – shoppen
Geld weg, Geld weg – stoppen
Schneefall – scheißegal, Sonne, Wind und Regen,
wir bleim zuhaus, von Dingen umgeben.

(8.2)

Meine Frau weckt mich, sagt:
Hörst du, die Mäuse?
Die Mäuse sind wieder da.
Vielmehr, sie sagt: Ratten,
denn gleich ob Streifenhörnchen
oder Maus oder andres Kroppzeug
hats Fell, Schwanz, vier Beine,
dann ists eine Ratte.
So bildet man aus Art, Gattung,
Familie, Ordnung, Klasse
– es ist die amerikanische Form,
der Verallgemeinerung:
bug meint Insekt, Spinne, Gewürm,
und critter (das kommt von Kreatur)
meint Viechzeug, unerwünschtes,
und cousin meint: Irgendwer, der
mit mir verwandt ist, vermutlich,
oder war.

Mäuse also.
Ich gehe ins Bad.
Nichts zu sehen,
nur in der Decke,
die Lüftung klappert.
Ich sage:
Da sind keine Mäuse,
die Lüftung hat ne Macke.

Später, der Hausmeister,
nachdem er alles
geputzt, gecheckt
desinfiziert und entstunken hat,
hält mir einen Beutel hin,
drin Graues und Schwanzförmiges,
und er sagt: Tote Mäuse. Ein Nest.

Der Rest
ist stinken.
Im Januar,
das halbe Reh,
wie ichs im Februar
wiederseh, im März,
stinkts,
mir wird schlecht
doch nun, im Mai
ist das vorbei
und hinterm Zaun am Weg
liegt ein Skelett.
Ist das Beleg
dafür, dass wir Lebendiges komplett
ertragen, Totes komplett,
und was uns gruselt, ekelt,
ist etwas hin,
das ist das Zwischendrin,
die Made, die sich räkelt?

Ein Körper voll Maden
ist keiner,
ist ein Kadaver,
denn der Mensch,
und schlaf er,
erwacht
nichts vom Tod hat der Schlaf,
nicht konvex ist konkav
(das eine ist Grube, das andere Hügel)
Nacht
ist kein Grab,
(der Tod hat keinen Überrollbügel)
und Sodbrennen ist ungleich Kremierung,
und die Wiedervertierung
des Fleischs durch die Made,
ist keine Wiedergeburt,
ist nur typisch Natur und stinkt.

Das Aas ist ein Meer von Maden,
ein Meer, in dem das Fleisch versinkt,
ein Meer, das sich selbst austrinkt,
bis Knochen in der Wüste baden.

Im Tal der Wale, Ägyptens Wadi al-Hitan,
lebten im Eozän Wale. Heute kann man dort,
dank Allradantrieb ihre Knochen überfahren.

Die Flügel und Knochen einer toten Krähe

Iihkarus

Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)

>> 21. Kalenderwoche