Gedichte

Pflicht und Kür (7)

Ein Wochentagebuch in zwei Teilen
19. Kalenderwoche 2020

>> 18. Kalenderwoche

(7.1)

Maikäfer flieg,
der Vater ist im Krieg,
die Mutter ist in Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt.
Maikäfer flieg.

Heidschäfer schmieg,
der Maibock ist im Krieg.
die Schnucke ist in Gelderland
Gelderland ist voller Sand.
Heidschäfer schmieg.

My care fare flee,
their father is in creek,
tea mother is in pummel land,
pummel land’s upgraded aunt.
My care fare flee.

Mein Pflegefahrgeld flieh,
ihr Vater ist im Bach,
Teemutter ist in Verprügelland,
Verprügelland ist aktualisierte Tante.
Mein Pflegefahrgeld flieh.

Vorm Pflegeticket sprinte,
Vater steckt in der Tinte,
Mutter trinkt Tee im Frauenhaus,
Frauenhaus ist ihr Zuhaus.
Vorm Pflegeticket sprinte.

Bettnässer fiep,
Vater ist im Betrieb,
Mutter macht die Hausarbeit,
Hausarbeit ist vermaledeit.
Bettnässer fiep.

Achselhaar mief,
die Hand hängt zu tief,
die Schulter ist total verrenkt,
verrenkt hängt sie schief im Gelenk.
Achselhaar mief.

mai mai o hie
de facto ist Tim cri
die Mut er ist impotentat,
impotentat is top granat
mai mai o hie

1 1 + 2
17 > 3
3,1 <
x = ♊︎
1 1 + 2

ei ei o ih
defekt is tip top nie
di muh er es KW
KW wie so ade
ei ei o ih

Ei – oh : igitt!
Das Ei hat Hahnentritt,
der Fisch, er stinkt vom Kopfe her,
der Kopf bleibt über beim Verzehr.
Ei – oh : igitt!

Sieh – Saibling spring!
Der Angler wirft son Ding,
die Angelschnur, sie fliegt sehr weit,
weit hat mans nicht zur Fischmahlzeit.
Sieh – Saibling spring!

Flieg, Käfer, mei,
der Krieg ist ein Bohei,
Pommfritz schnitzelt die Mutter,
Mutter fritiert das Futter.
Flieg, Käfer, mei.

Maikäfer stirb,
die Flügel sind ganz mürb,
die Mutter ist im Vaterland,
Vaterland ist ausgebrannt.
Maikäfer stirb.

Engelchen flieg,
die Eltern ham dich lieb,
und ham sies nicht, dann fliegst du da-
von wie der Storch nach Afrika.
Engelchen flieg.

(7.2.)

Es wackelt, es ruckelt, es klingt schlecht,
das Bild gefriert und zweimal crasht der Browser,
es knackt, und schließlich ist das Mikro weg
– ich höre, bin nicht mehr zu hören –
Task Manager, Anwendung schließen, und dann
den In-Ear-Kopfhörer mit Mikrophon einstecken,
und ich bin wieder da, akkustisch.
Lässt sich alles managen, man gewöhnt sich,
man gewöhnt sich an alles, vollends,
an die Welt, die Menschen, die Existenz,
an die Macken und Tücken der Videokonferenz.

… und ist ja Ok, dass wir geredet haben.
Besser als Nichtreden ist es allemal,
nur das Bild, das Sich-selber-sehen,
ist mir eine Qual,
‘s ist wie im Lokal,
wo ich, ist es verspiegelt,
nicht sitzen kann,
mich sehen
und reden.

Ist es,
als redete ich,
aber hörte mich nicht?
Ist es,
als schriebe ich,
aber ich könnte’s nicht lesen?

Es ist wie wenn Narziss,
von seinem Abbild verschandelt,
erschrickt, sich windet,
sich in eine Salzstange verwandelt.

Beziehungsweise, wie Kleist sagte,
und wie Kleist nicht sagte:
Nicht wir wissen,
es ist allererst
ein gewisser Zustand unsrer,
welcher weiß.
Doch liegt ein sonderbarer
Quell der Irritation
für denjenigen, der spricht,
im Anblick
des eigenen Antlitzes,
das ihm
gegenübersteht.

Im Deutschen sagt man befangen;
treffender ist’s englisch: self-conscious.
Ist man seiner selbst zu bewusst,
vergeht dem Denken die Lust;
Inspiration lässt sich nicht zwingen.
Am besten gelingen
gedankliche Finessen,
ist man selbstvergessen.

Bäume und ihre Schatten vor einem Bürogebäude mit Glasfassade

Der Wald spiegelt sich und schweigt
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)

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