Gedichte

Pflicht und Kür (4)

Ein Wochentagebuch in zwei Teilen
16. Kalenderwoche 2020

>> 15. Kalenderwoche

(4.1)

Am Montagmorgen regnets,
am Montagmittag auch,
doch Montagabend legt es
sich – steht da wer auf dem Schlauch?
Am Dienstag ist es windig,
am Mittwoch irgendwie,
oder, kann sein, das find ich
bloß so – ist Empirie.

Am Donnerstag kein Wetter,
kein Wetter, das mir passt,
früh morgens war es netter,
doch ich hab es verpasst.
Am Freitag meist bedeckt,
doch weder Schnee noch Regen.
Niederschlag im Affekt –
nee, bin ich strikt dagegen.

Am Samstag fängt das Ende
der Woche bereits an,
der Woche, die Momente
zuvor erst noch begann.
Am Sonntag ist sie alle,
dann ist die Woche aus,
wie seltene Metalle,
wie seltene Know-hows.

An allen sieben Tagen,
tagts morgen, spät wirds Nacht,
Gewissheit, die wir haben,
wird uns schnell zur Last.
Schnell zur Last wird uns
Gewissheit, so sies gibt –
folgt auf den Hinz ein Kunz
ist uns der Tag vermiest.

(4.2)

Wenn man aber etwas nicht tut,
sagt eine Stimme,
weil man es für falsch hält,
wenn man aber etwas tut,
sagt eine Stimme,
weil man es für richtig hält,
wenn man aber nichts tut,
sagt eine Stimme,
weil man nicht weiß,
was ist falsch,
was ist richtig,
welche der drei Stimmen,
kommt der Wahrheit dann am nächsten,
wenn man bedenkt,
sagt eine Stimme,
dass alle vier Stimmen
Stimmen sind,
in deinem Kopf.

Oben auf dem Boden
sehe ich nach dem Rechten.
Letzten Herbst kamen Wespen
durch die Lüftung ins Bad,
und der Hausmeister hat
sie eliminiert.

Jetzt ist es soweit,
jetzt werden sie wieder
Holz zerkauen,
und Waben bauen
für ihre Maden.

Auf der Dose steht:
insecticida para avispas y avispones.
Auf der Dose steht:
outdoor use only
yet only lonely
wasps live outdoors.

Mangels Mundschutz
steige ich ohne
auf die Bühne,
doch geschieht mir nichts –
die Wespen wohnen
dieses Jahr
anderswo.

Gras, Baumsamen und das untere Ende eines Baumstamms

Ein Rasen, eingeigelt und zerstochen
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)

>> 17. Kalenderwoche