Gedichte

Pflicht und Kür (3)

Ein Wochentagebuch in zwei Teilen
15. Kalenderwoche 2020

>> 14. Kalenderwoche

(3.1.)

Am Gründonnerstag –
Grünkern nicht, Grünkohl nicht, auch Grütze nicht.
Am Gründonnerstag

händ wasch! händ wasch!
hack fleisch wurst brät schinken wurst
peter silie stangen lauch eier eier eier
ma jo ran mus kat mus kat -:-
maul tasch! maul tasch!

Am Karfreitag –
keine Karte, kein Kapitel, kein Canzone.
Am Karfreitag

(3.2)

Ich schneide die Pflanzen, eine topfe ich um,
dann gehe ich zurück an den Schreibtisch,
kopfarbeiten.
Etwas fehlt.
Ich weiß, ich habe es aufgeschrieben –
in der Mitte, etwa, des schwarzen Notizbuchs
müsste es stehen.
In der Mitte, etwa, jenes Notizbuches steht:

Der Topf ist der Pflanze
mehr als Behältnis
für ihr Substrat,
er ist im eigentlichen Sinne Heimat,
hält er doch nicht allein ihre Wurzeln,
sondern hindert sie daran,
fremdzugehen.
Dem Topf seinerseits
ist die Pflanze gleichgültig.

Ist das von mir?
Glaube ich nicht –
ich hätte geschrieben:
Dem Topf seinerseits
ist die Pflanze egal.
Googeln lässt es sich nicht –
ich blättere – auch bei Bloch keine Spur.
Ich gehe in die Küche, fülle die Gießkanne,
und ich gebe den Töpfen, den Pflanzen zu trinken.

Ein Blumentrog mit Gras, ein verlorener Handschuh sowie Tulpen und Osterglocken

Das schwierige Verhältnis von Töpfen und Pflanzen
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)

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