Gedichte

Pflicht und Kür (2)

Ein Wochentagebuch in zwei Teilen
14. Kalenderwoche 2020

>> 13. Kalenderwoche

(2.1.)

Gewöhnlicher Löwenzahn!
Dein blöder Name, deine prollige Haltung
sagen: Un was ham die Menschen für mich getan?
Selbst die Blütezeit macht dich nicht versöhnlicher,
und pustet man dir die Blume, dir ists egal.
Löwenzahn, Gewöhnlicher!

Spreuschuppiger Wurmfarn!
Aus dunklem Grund wachsen deine Tentakel,
deine Sporentupfen sind von der Farbe Tarn.
Und werden die Fieder im Alter auch ruppiger,
sie scheiden wie Spreu von Weizen den Wurm vom Darm.
Wurmfarn, Spreuschuppiger!

Drüsiger Götterbaum!
Als Fremder bist du verpönt, und kamst doch einst
als Hoffnungsträger, als Startup vom Seidentraum.
Jetzt giltst du als Gift, giltst als ungemüsiger
Rumrandalierer auf Ruderalgebiet.
Götterbaum, Drüsiger!

Ohne Wurzeln keine Pflanzen.
Beim Menschen aber stören sie und führen zum Sturz
beim Gehen und beim Tanzen.

(2.2)

Ein Eichhörnchen gräbt etwas ein
– oder gräbt es etwas aus?
Es flieht, wie ich ihm nahe komme,
aber wenige Yards weiter,
soll heißen, 36 Zoll
– aber wer will das so genau sagen? –
sitzt ein weiteres, größeres Eichhorn,
und das gräbt etwas ein,
– Ende März, was gibt es da zu bunkern? –
und es lässt sich nicht stören,
obwohl ich bis auf einen Fuß
– ist das dasselbe wie eine Elle? –
an es herankomme,
es wühlt weiter,
und es schielt mich böse an.
Hinter dem Bauzaun, vor dem es hockt,
ruhen die Maschinen, doch die Erde
ist aufgewühlt
– aufgewühlt, ob des erlebten Traumas,
aufgewühlt, ob des drohenden Aushubs? –
ich weiß es nicht.
Die Erde ist einfach zu begehen,
aber schwer zu begreifen.

Der April beginnt,
mittelmild, 52 Grad,
und ich frage mich,
ist es ein ästhetisches Argument
gegen den Klimawandel,
dass heute T.S. Eliots Diktum
April is the cruelest month
nicht mehr stimmt,
oder ist der Klimawandel vielmehr zu begrüßen,
da sich jetzt erst diese Zeile
angemessen übersetzen lässt:
März ist der gemeinste Monat.

Man schreitet im Kreis,
beziehungsweise, meist schreitet man
in einer langgezogenen Ellipse,
denn für einen Kreis reicht
auf dem Trottoir
der Platz nicht.
Dazu wird skandiert,
beispielsweise: no justice!, no peace!
Und man schreitet und schreitet
und schreit und schreit.
Heute nicht, heute sind
auch ohne Stasimethoden
Demonstrationen verboten –
bezeichnenderweise ohne Protest.
Doch da – da schau:
– Was soll der Radau?
Dort fahren im Karée
dreißig, vierzig Wagen,
hupen, an den Autos kleben Plakate:
Keine Abschiebung!
Ende der Isolationshaft!
Ist die Lage verfahren,
offenbaren sich
neues Potential, neue Potenzen –
Grenzen sind da,
damit wir uns vorstellen,
wie es wäre,
wären wir,
auf der anderen Seite.

Winterliche Essigbäume an der Autobahn

Keine Essigbäume
Gerne werden Essigbaum und Götterbaum verwechselt. Das ist verständlich. Zwar kommt der eine aus Nordamerika, der andere aus Ostasien, aber beide treiben sich gerne auch in Deutschland herum.
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)

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