Gedichte

Pflicht und Kür (1)

Ein Wochentagebuch in zwei Teilen
13. Kalenderwoche 2020

(1.1)

Noch niemand hat das liebe Leben ums Verrecken nicht verloren,
doch sind von uns nur wenige an einem Pilzgericht gestorben.
Es haben sich schon manche den Magen beim Essen schwer verdorben,
doch alle waren wir vor Geburt an tot und wurden erst geboren.

Alles, alles dreht sich,
und ruhe ich auch, dennoch:
Erde, Mond und Sonne,
Michstraße ums Schwarze Loch.

Schon viele haben im Leben auf der Erde die Erdung verloren,
doch sind von uns nur wenige an einem Blitzeinschlag gestorben.
Verrät man vorab das Ende, der Krimispaß, er ist verdorben,
kein Meister ist vom Himmel gefallen, noch wurde ein Meister geboren.

Alles, alles regt sich,
nur von selbst tut es das nicht,
Saat, Salat und Henne
und im Laserstrahl das Licht.

(1.2)

Bett, Bad und darüber hinaus,
sagt meine Frau
am Telefon,
blieben bis auf Weiteres geschlossen,
was aber nicht schert,
das neue Bettzeug, die neuen Kissen,
könnten wir auch
online bestellen.
Wie man sich bettet,
muss man nicht fühlen.

Hier spricht ihr Gouverneur:
In Connecticut bleiben
gemäß Verfügung seven eitsch
bis auf Weiteres
die folgenden,
lebensnotwendigen Einrichtungen offen –
Krankenhäuser, Tankstellen, Supermärkte,
Gärtnereien, Poolreiniger, Elektriker,
Landschaftsgärtner, Kammerjäger,
Plakatierer, Steuerberater, Hundefrisöre
Waffengeschäfte sowie alle Betriebe
der Verteidigungsindustrie.
Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit
und ihr Wohlverhalten!

Lasst uns also,
dafür muss Zeit sein,
einen Hund pflanzen,
ein Auto frisieren
und ein Apfelbäumchen erschießen.

Ein blühendes Kirschbäumchen auf einer Verkehrsinsel inmitten eines Parkplatzes

Kein Apfelbäumchen
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)

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