Geschichte

Warum der Wels auf dem Rücken schwimmt

Ein unebener Weg hinauf durch den Garten, gepflastert, unbehandelter Naturstein in braun, grau, anthrazit, schmutzigweiß und ochsenblut; aus der Haustür, teils ist sie pudergrün, teils kupferblank, erheben sich, wie im Fluss beim Eisgang, unregelmäßige Formen; davor, auf der Matte : Fußumrisse und Pfeile zeigen die Schritte eines Tanzes, Aufschrift: Immer mit den Füßen voran!, und neben der Matte, links wie rechts, steht so etwas wie eine silberne Thermoskanne. Aber keine Klingel. Eine Regenkette hängt vom Vordach, dahinter an der Wand ein Seil – ein Kletterseil, neonpink und schwarz endet es … in einem Handgriff aus Porzellan? – Ah! Ziehen, und es bimmelt – Glocken, viele Glocken – Almabtrieb.

Test, Test. Das grüne Licht der Kamera geht an : Probeaufnahme Kandidatin Carmen. Ich frage … ich beginne mit einer Frage. In echt, müssen sie sich vorstellen, wären da natürlich mehrere Leute, mehrere Kameras. Deswegen : Test. Also – bereit? – Gut:
– Kinder aus der Art geschlagen. Heute sprechen wir mit Carmen – mit Carmen aus Steinau, aus Steinau an der Straße, um genau zu sein – denn wer hat sie gezählt, die Steinaus …
– Ach was, wirklich? Wer? Die Bundeskatasterverwaltung? Und wie viele, sagen sie? Fünfzehn! Also fünfzehn Steinaus – da sehen sies, wie wichtig es ist zu sagen, Steinau an der Straße. – Aber zurück zu unserem Thema. Ihre beiden Kinder, Carmen, sind, sagen sie, aus der Art geschlagen. Wie muss ich mir das vorstellen?

Sie erzählt. Die jüngere, Alida, ist 14, die ältere, Alice, 16, und beide sind sie grundverschieden von ihrer Mutter und auch voneinander, höchstens, dass man sagen kann, beide sind sehr unsportlich, sind an jedem Sport uninteressiert – und das bei dieser Mutter! Aber nicht nur das, alles girlymäßige geht ihnen ab. Die eine hat nur ihre Aquarien im Kopf – Kescher, Filter, Mulmpumpe, die andere nichts als ihre Briefmarken – Pinzette, Lupe, Zähnungsschlüssel. Das ist doch kein Umgang für junge Mädchen, und ganz pummelig werden sie dabei auch.

Im Geist sieht sie sich auf dem Gipfel. Die erste Frau allein auf dem Mount Erebus. Die Sendung, ein Buch, ein Exklusivvertrag für den Film über den Soloaufstieg, das sollte reichen, um die Tour zu finanzieren – und mehr. Wenn alles gut ginge, sie, ihre Kinder hätten ausgesorgt. Sie sieht sich im Eis, in den Wolken, sieht sich am Kraterrand, sieht, wie sie vordringt durch Schwefelwolken, sieht wie sie versinkt in der Lava des Kratersees – unsterblich wie dieser griechische Philosoph, wo war das gleich?, dessen Namen kannte man noch nach Jahrtausenden, und nicht nur in Steinau an der Straße, in allen Steinaus dieser Welt. Wie hieß der noch? Egal, was zählt ist das Prinzip, die unerreichte Gipfelleistung.

Er denkt: Eine Backstory von Carmen. Eigentlich auch viel interessanter als dieses Aus-der-Art-geschlagen Ding. Sprengte aber, logo, das Format. Am besten Probeaufnahme und der Redakteurin zeigen, und dann vielleicht ins Hauptprogramm, in Featurelänge – das wärs. Das Magazin, die Fließbandarbeit, das hat keine Zukunft – da war er ja total ersetzbar. Noch ein Jahr, vielleicht zwei, dann würde das gecancelt, sowieso. Also rechtzeitig absichern – und einen Namen machen mit Festival und Grimme undsoweiter.

– … ja, Carmen – aber zu ihnen. Sie sind Bergsteigerin, und nicht etwa einfache Feld-, Wald-und Wiesenbergsteigerin, sondern sie sind Berufsbergsteigerin. Wie muss ich mir das vorstellen? Wie kam es dazu?
– Ja – puh. Angefangen hat das ganz normal, eigentlich. So als Jugendliche – in die Berge, Kraxeltouren, Party auf der Hütte.
– Und Jagertee und Feiern bis zum Umfallen?
– Nein, das nicht. Du musst fit bleiben in den Bergen: Hoch oben gibt es nur fit oder tot, Zitat Arnold Fanck.
– Ah ja. Da waren sie also als junger Hüpfer auch schon so eine Art Fitness-Freak?
– Nee. Das war mehr so ne Frage mit den Jungs. Die hatten nen Ehrgeiz – schwieriger, schneller, Rekord – und das hat mich mehr interessiert, als die Hühner und ihr Gegacker. Dann hab ich angefangen mit Freeclimbing, auch größere Touren gemacht …
– Aber Profi waren sie da noch nicht?
– Nein. Profi, das kam erst nach dem zweiten Kind : Fit werden, Familie versorgen …

Alice träumt von einem großen Becken, 300 Liter, 500, von einer Umwälzpumpe träumt sie für den Strömungsfluss und von Quecksilberdampflampen, denn unter denen fühlt er sich wohl, der rückenschwimmende Kongowels. Wenn nur die Mutter nicht so knausrig wäre. Vom Regale einräumen im Supermarkt kommt das Geld nicht zusammen. Alida träumt von Marken, Marken – von Marken ungestempelt und mit glänzendem Gummi, von Marken mit Dreiviertel- und Halbstempel, von Ganzsachen voll fremder Vermerke und seltener Klebezettel, die echten Postlauf belegen, und von der U-Boot-Hela-Marke – die will sie haben, unbedingt. Wenn nur die Mutter nicht so knausrig wäre. Von ihrem Stamp-Collector-Girl-Kanal auf YouTube kommt das Geld nicht zusammen.

Warum schaut er nur so gelangweilt? Gut, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, das ist schon ziemlich Erika Mustermann-mäßig, das will das Publikum nicht sehen. Zeigt sie ihm also die Urkunde. Die hatte sie für einen größeren Auftritt aufsparen wollen, eigentlich, aber wenns sein muss … Sie steht auf. Sie holt aus einem Wandsafe einen silbernen Zylinder, stellt ihn auf den Tisch, schraubt ihn auf, zieht ein Papier hervor, entrollt es und hält es dem Fernsehmann hin, aber nicht zu nah, sonst stiehlt ihr die Kamera die Seele, soll heißen, die Exklusivität. Schnell packt sies weg, und da er komisch kuckt, den Kopf zur Seite kippt, erklärt sie: In den Kordilleren wars – ihr erster Soloaufstieg. Aber nachdem sie die Gruppe verlassen hatte : Schneesturm und Sichtverlust und biwaken, und als es vorbei war, wusste sie nicht, wo sie war, doch umso klarer lag vor ihr ein Gipfel, herrlich wie der Eiger und, ohne weiter nachzudenken, stieg sie durch eine hohe Wand hinauf. Nach Stunden, wie sie oben ankommt, steckt im Eis zwischen zwei Felsen der Zylinder. Sie schraubt ihn auf – die Urkunde, und darauf steht, entschuldigen sie mein Spanisch: Dies Dokument dient als offizielle Bestätigung, dass der Finder der Erstbesteiger dieses Gipfels ist und folglich daran die Namensrechte hat.

Monte Carmen! Er siehts: Die Urkunde, Nahaufnahme, ihr Gesicht, dann der Zylinder, sie schleudert ihn hoch, er wirbelt durch die Luft und – zack – wird aus dem wirbelnden Zylinder ein wirbelnder Zylinderhut, der sich in Zeitlupe senkt, senkt auf seinen Kopf – Totale: Er vor der Leinwand auf der Bühne, und das Publikum steht auf und applaudiert. In solchen Gedanken tritt er aus der Tür, tritt gegen eine der Thermoskannen, die neben der Matte stehen, und diese kippt um, eine Stablampe – sie lässt Kabel zurück, rollt weg, rollt den Gartenweg hinunter übers Pflaster braun, grau, anthrazit, schmutzigweiß und ochsenblut, dotzt gegen das Gartentor, bricht entzwei, und ein kleiner Kegel kommt hervor, eine kegelförmige Glühbirne, die ihrerseits weiterrollt, über den Bordstein, und dann fällt sie durch den Schlitz eines Gullydeckels. Sie ist weg. Er geht hin, geht in die Hocke, blickt durch den Schlitz in den Kanalschacht. Unten im Dunkel, sieht er, leuchtet die Lampe, leuchtet und blinkt, und aus der Tiefe zwinkert sie ihm zu.

Betonsockel, Gestänge und Straßenlaterne

Zylindrisches, nach Höherem strebend
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)