Geschichte

Drunten am Bach

Unterstinkenbrunn ist getrennt von Mittelstunkenbronn durch, unter anderem, einen kanalisierten Bach, den Mosebach, und dieser ist, seit vielen Jahrzehnten – vielleicht auch viel länger schon, das weiß man mit Sicherheit nicht – schwer bis schwerstens verschmutzt und hoch bis höchstens belastet, woran man, da das Gewässer von altersher die Marktschranke zwischen bischöflicher Domäne und kurherrlichem Allodialgut bezeichnete, welcher später die – mm, äh – Zonengrenze sich zu folgen anschickte, … woran man also aus diesen und anderen Gründen lange nicht rührte, bis man dann sehr spät die Sanierung des Schadgewässers in Angriff nahm, dies jedoch nur, da die Hauptverursacher der Verschmutzung, eine Kalihütte hie, eine Kreuzkümmelölmühle da, beide infolge der Wiedervereinigung sowie der Veroffshorung der schweren und schmutzigen Gewerke, soll heißen: Gewerbe, Bankerott gegangen und abgewickelt worden waren, bis auf den letzten Fitzel Zwirn.

Als man die allüberfällige Sanierung unter Hinzuziehung der gängigen Experten und zuständigkeitsbereichsmäßigen Verwaltungsfachleute in Angriff nahm – ein altes Männlein, dessen Namen keiner kannte, noch sein Woher und Wohin, war auch zugegen, ein Männlein mit großem Kescher – da stellte man, unter tatkräftiger Zuhilfenahme jenes genannten Männleins, verdutzt fest, das Gewässer war nicht, wie man glaubte, zur Gänze umgekippt und tot, nein, in der gewässerartigen Brühe, beziehungsweise der brühenartigen Flüssigkeit, die hier als Wasser galt oder zumindest durchging, in diesem Fluidum lebte eine einzigartige Kreatur, die war so einzigartig, dass sie jeder Beschreibung spottete, und allein näherungsweise ließ sich sagen und sagte das Keschermännlein in abgehackten und grammatisch nicht korrekten Sätzen, weshalb wirs hier redigiert wiedergeben, das bewusste, als hier lebend anzusprechende Wesen ähnele einer Kaulquappe, einer Quappe jedoch mit Zyklopenauge und von der Größe eines sehr großen Meerschweinchens, vulgo eines Wasserschweins.

Potzblitz, sagten da die Verwaltungsfachleute und die Experten nickten ernst, Potzblitz, nun ist es angesagt einen Ethikprofessor hinzu- und zu Rate zu ziehen, denn mit dieser Art von Güterabwägung sind wir letzthin und gänzlich überfordert. Gesagt, getan. Der Ethiker, der auch Eidetiker war, kam, besah sich die Sache und sagte: Hier beiße die Maus keinen Faden ab, das vorgefundene Wesen stelle zwar eine widernatürliche Abscheulichkeit dar, dennoch sei es Geschöpf, zudem wohl einzigartig, und das Gesetz von Angebot und Nachfrage gebiete, es zur Schau zu stellen, abzufilmen und zuvermerchandisen, denn auf diesem Wege ließe sich ein großer Reibach machen, welcher, das sei das höchste Gebot, den hier heimischen Großkopferten zugute komme und also, qua Steuerlast, der Allgemeinheit samt und sonders. Anstelle eines saftigen Beraterhonorars aber bat sich der Professor eine Gewinnbeteiligung am zu gründenden Schauunternehmen aus, was man ihm, da der Cashflow augenblicklich klemmte, auch gerne zugestand. Flugs wurde das Gelände um den Bach erschlossen, wobei der Professor selbst die Mittel für Stichstraßen wie auch den notwendigen Brückenschlag über das Gewässer vorschoss – eine Brücke musste her, denn vom hüfthoch mit Giftschlamm bedeckten Ufer aus ließ sich das Wesen eigentlich kaum sehen, praktisch eher gar nicht, noch konnte man es von dort aus füttern mit Erdnussflips.

Man errichtete eine elegante wie auch zweckmäßige, breite, geschwungene Brücke aus Stahlbeton. Kaum aber hatte man die letzten Schalbretter abgenommen und machte sich daran, Geländer und Lampen zu montieren, da stellte man fest, die Brücke bröckelte, und als, einige Tage später, der Baugutachter eíntraf, hatten sich im Beton bereits Risse gebildet wie nach Hagelschlag auf einer Verbundglasscheibe. Das Bauwerk musste gesperrt werden, und noch bevor man über Abriss oder Sanierung beschlossen hatte, knackte es, klackte es und ploppte es in den Bach. Mittels Messungen am Drumherum sowie an Materialproben, kam man zu dem Schluss, die Ausdünstungen wahlweise des Bachs oder aber jene der Großquappe, denn deren Flatulenzen ließen nicht nur die Wasseroberfläche schäumen, ihr Knallen war auch weithin zu hören, diese Ausdünstungen, gleich wie es um ihre Quelle bestellt sei (denn auch eine Verquickung der Umstände war denkbar), korrodiere den Stahlbeton aufs schwerste und zerstößele selbst Sonderbeton innert kurzer Zeit.
Man errichtete also eine elegante wie auch zweckmäßige, breite, geschwungene Brücke aus Holz, denn es war Eile geboten, die Besuchs- und Gaffwilligen schwappten schon wild einher, und ausgebucht war jedes Gasthaus in der weiteren Umgebung, jeder Campingplatz auf Wochen und Monate. Kaum aber hatte man die letzten Balken verschraubt, die letzten Bohlen gedübelt, begann das Gebälk auch schon zu spröden und zu knacken, und selbst eine dicke Schicht Holzschutzlasur wehrte dem nicht. Als, einige Tage später, der Baugutachter eíntraf, hatten sich im Holz bereits Spalten aufgetan wie Ausbünde in der Kruste eines Roggenvollkornbrots. Das Bauwerk musste gesperrt werden, und noch bevor man über Abriss oder Sanierung beschlossen hatte, knackte es, klackte es und ploppte es in den Bach. Die Ursache aber glaubte man vom ersten Bau her zu kennen, und was hätte auch weitere Analyse gebracht als trockene Wissenschaft – und auf trockener Wissenschaft wurde noch kein Wasserlauf gequert, geschweige denn ein Adventure Park errichtet. Die Bauleute und die Großkopferten hielten sich mithin an die Empirie, soll heißen trial and error plus Bauernschläue, und sie bauten die dritte Brücke aus Stroh. Kaum aber hatte man den letzten Halm gekrümmt, die abschließende Garbe geschnürt, begann es im Bach zu furzen und zu knurzen, zu blinken und zu stinken. Die strohene Brücke aber zuckte nur leicht mit den Achseln und machte: Pff.

Quappe und Bach hatte man besiegt, hatte man domestiziert, und schon am nächsten Tag, noch bevor der Baugutachter die Brücke abgenommen hatte, öffnete man die Zufahrtsstraßen von Unterstinkenbrunn und Mittelstunkenbronn und eröffnete man das Mosebach Adventureland. Schnell waren, trotz 40 Otzen Gebühr, die Parkplätze voll, war der Park, trotz 80 Otzen Eintritt, rammelvoll, und die Menge drängte, trotz Brückenzolls von 160 Otzen ungebremst voran, einen Blick aufs blubbernde Wasser zu werfen. Logisch, da knackte es, klackte es, und es ploppte die Brücke samt Brückengängern in den Bach hinein. Gesehen ward keiner mehr. Nur die Quappe, so sagt man, lebt dort nach wie vor, und bei Vollmond besucht sie das Keschermännlein, und die beiden halten Zwiesprache, worüber, das weiß keiner.

Wirres Lichtgeflirre an einem Brückenpfeiler aus Beton

Unverstandene Kräfte der Natur zerstößeln selbst Sonderbeton
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)