Geschichte

Im Wald keine Räuber

Da läuft einer, läuft los und wird überfahren, und es gibt keinen Auflauf, keinen Krankenwagen, nichts. Was ist los?

Aber vielleicht muss man, ums zu verstehen, beginnen mit der Straße. Oder, besser, wir beginnen mit dem Wald. Durch den Wald führt erst keine Straße. Und dann ist eine da. Das kommt vor, Zeit und Veränderung. Aber, was für ein Wald war das, was für ein Wald ist das? Danach war er nicht mehr der selbe wie zuvor. Immer noch leben in ihm die Bäume, richtig, gibt es die Jahreszeiten, auch bei den Insekten hat sich nicht viel getan, und die insektenverputzenden Vögel fühlen sich in ihm wohl, so oder so. Mit Ausnahme des Eichelhähers. Dazu später.

Der Wald also. Was ist das für einer? Ein Feld-, Wald- und Wiesenwald. Soll heißen, ein Mischwald. Laub und Nadeln, Nadeln und Laub, nur mehr Laub als Nadeln, und hier und da ein Windwurf, eine Lichtung – Gesträuch, Schösslinge, Farn, Blumen, Kraut. Viel mehr ist zum Wald nicht zu sagen, es sei denn, man ist Forstfachmann. Das Wesentliche sieht man, riecht man, hört man. Es ist ein Gesamtzustand, und zerlegt man ihn in seine Teile, ist er nicht zu begreifen. Erblicke ein Sägewerk und beschreib es als Wald. Was kommt dabei heraus? Nichts als Späne.

Ist, unter diesem Gesichtspunkt, der Straße ein Vorwurf zu machen? Nein, die Straße ist ganz bei sich. Sie ruht in sich. Sie ist ein Band, das, einmal abgerollt, nie mehr aufgerollt wird. Das weiß man. Gerollt wird auf ihr. Vielleicht war sie selbst einmal im Fluss gewesen, war Wesen. Nun ist sie Gegenstand, steht und hält dagegen. Auf ihr rollen Räder. Mehr weiß sie nicht, und auch die Räder hinterlassen in der Straße kein Wissen. Es ist nur ein Eindruck, ein ungefährer. Das genügt. Die Räder können es nicht erklären. Sie haben keine Theorie, wollen nicht hoch hinaus. Ihnen geht es um Bodenhaftung, das ist alles. Straße und Rad gehören zusammen. Ohneeinander sind sie wie Bäume ohne Wald : nichts.

Die Straße schneidet und teilt den Wald, der Wald aber bleibt Wald. Eine Straße macht aus ihm keine zwei Wälder. Eine Straße ist eine Linie, ein Bruchstrich ist sie nicht. Die Straße ist ein Einschnitt ins Wesen des Waldes. Der Wald ist Wesen und ist Gegenstand; erst steht er, doch gegen den Lauf der Zeit kommt er nicht an; er fällt und verwest. Ein Einschnitt kann gut sein. Ein Einschnitt gibt Form und Kontur. Gäbe es keine Einschnitte, alles bliebe gleich, alles wäre eins, und gestern und heute und morgen fielen in Eins, und wohin sollen Bäume wachsen, gibt es keinen Himmel.

Woher ich das weiß? Ich bin heute nicht ich selbst. Ich habe dem Himmel entsagt. Ich bin ein komischer Vogel. Über mich lachen die Hühner. Ich bin ein Fußgänger, doch bin ich kein Kleiber. Ich wollte wohin, wollte bloß von dem Wald in den Wald. Ich dachte das wäre leicht, dazu brauchts keine Luft, keine Flügel, dazu genügen Boden und Beine. Ich habe mich geschnitten. Ich war der Eichelhäher.

Ein Waldrand mit getrimmter Vegetation trifft auf einen Straßenrand mit Bitumenschlangen

Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)