Gedichte

Pflicht und Kür (25)

Ein Wochentagebuch in zwei Teilen
37. Kalenderwoche 2020

>> 36. Kalenderwoche

(25.1)

Von Krankheiten, verheerenden, ham wir viel gehört,
von Helden, zu verehrenden, die die Gefahr nicht schert,
von Masken ohne Bällen, von Händewäscherei,
von schweren, leichten Fällen – und wir, wir warn dabei.

Und sind wir noch dabei, dann könn wir später sagen,
was warn die Zeiten schwer – doch wir kannten kein Klagen,
wir ham uns durchgebissen, wir ham uns top geschlagen,
und kam einer zu nah, dann schrien wir: Maske tragen!

Noch jede Oberfläche, ham wir desinfiziert,
wir kannten keine Schwäche, und wir sind nicht krepiert,
wir fürchten nur die Anderen, der Keim, der juckt uns nicht,
wir scheun die Unerkannten mit blankgezognem Gesicht.

Der Mensch dem Mensch ein Herd – der Ansteckung zum Tod,
hier ich und dort die Herde, ich Stier, die anderen rot,
und wenn ich übertrage, was solls, um den Idiot,
um den ist es nicht schade, hat der doch mich bedroht.

Und ists vorüber, merkt man, fast alle sind noch da,
Frau Wutz, die Umweltsau, und der Rassist, Herr K.
Da hat die schöne Seuche ja fast gar nichts genutzt,
die Krankheit ist die Menschheit, die den Planet beschmutzt.

Entsprechend bin ich reinlich: Ich bin kein Herdentier.
Ich bin nicht klein, bin kleinlich – ich kenn nur mich, kein wir.

(25.2)

Er wang, er wang
dru tülle Wasten,
er dwang, er dwang
bra sylltem Zyst,
saab hallon Gwamsen,
krülle Bresten,
faab kalmen Ronssen,
jüllte Kösten.

Gwa nückelt hey?
Qua lentet whei?
Seck nu sche drey,
Gromm witti ghei.

Sablu da wast,
hawast dablüh.
Quast emme larst,
romm drümelt Karst.
Drass este noscht,
nosch kalkte Malle,
– drawindjahü! –
nör seggte alle.

Gwa zwackelt nu?
Qua dwanget fuh?
Teck zu se Gnu,
klomm sittes blu.

Drobda tu drommes Daren züllest,
garenkami la titu Müll est.

Zeichen an der Wand
»Quast emme larst, romm drümelt Karst«
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)

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