Gedichte

Pflicht und Kür (24)

Ein Wochentagebuch in zwei Teilen
36. Kalenderwoche 2020

>> 35. Kalenderwoche

(24.1)

Texas ist heiß, Alaska kalt,
in Pennsylvania gibts viel Wald.

Wyoming ist weit, New Hampshire eng,
in Lousiana riechts oft streng.

Michigan: Daumen hoch, Florida: Daumen runter,
Nevada ist zur Hälfte Wüste, zur Hälfte Wunder.

Süden und Norden? – Carolina und Dakota,
In Mississippi fällt was auf? – Das Land ist rot da.

Montana ist hügelig, Kansas flach,
New York bekannt für seinen Krach.

In Utah mangelt es an Wald,
Hawaii ist neu, Virginia alt.

Small is beautiful sagst du?, Kleinenwahn heilend?
Ich finde dir, was du suchst – hier: Rhode Island.

(24.2)

Straßen voller Masken
und keine eine Metapher.
Der Hafen voller Masten
und kaum ein Segel im Wind.
Häuser voller Bewohner,
fast alle sind Besucher.
Reste der Wohnbevölkerung treibt der Laubbläser durch die Stadt,
Blütenblätter, die der Regen nicht vom Ast gewaschen hat.

Eine rote Insel? Eine Insel wie Rhodos?
Was Verrazzano hier sah, was Adriaen Block hier zu sehen glaubte,
uns ist es nicht bekannt – wir sehen die Welt mit anderen Augen,
und das selbst, wenn wir von Brille, Linse, Laser, von Radar und Satellit absehen.
Bewegte See,
Küste im Nebel,
im Meeresspiegel sieht man nie kein Land
(und um so mehr will man es sehen),
doch ist Meer kein Spieglein an der Wand,
und keiner hat sich jemals drin erkannt.

… worin ich mich nicht mehr erkenne
– zu erkennen geben will, muss es heißen,
denn, dass nur die leisen
handgemachten Töne
anzuhören es sich verlohne,
weil authetisch ist das Schöne,
das die Kunst bewohne,
während, was elektrisch dröhne,
Ware sei, Steckdose, Kunstprodukt,
hier Gemälde, dort millionenfach gedruckt,
dass, sagte auf der Insel Aquidneck im Juli 65 Dylan
(elf Tage nach dem Sturm auf die Bastille),
dass ein Lied nur zählt, wenn es aus uralten Zeiten kommt
(der Geist der Völker redet zu den Stillen),
und eine E-Gitarre bombt,
wie die Air Force in Vietnam,
das ist doch Schwachsinn, Quatsch und dummer Kram.
Musik ist Satellit : Raketenstart und Umlaufbahn,
verspätet sie sich, dann kommt ihr Signal nicht an.

Im Jahr danach (auf den Tag genau),
starb Frank O’Hara,
auf einer anderen Insel, nachdem ihn,
auf einer anderen Insel,
ein Beach Buggy angefahren hatte.
Es besteht zwischen den beiden Vorfällen
kein Zusammenhang, und doch besteht er.
Go figure.

1959, drei Tage nach dem Sturm auf die Bastille,
kauft sich Frank O’Hara Zigaretten, Schnaps, Gedichte,
aber, wenn man das so allgemein dahersagt,
verliert das dann nicht alle Bedeutung?
Was er an diesem Tag in der Zeitung,
nein, was er in der NEW YORK POST las,
das machte ihn vielleicht traurig – wütend – betroffen,
aber wir wissen es nicht, wir wissen nur,
es erinnerte ihn an einen Abend,
einen Abend, den wir nicht erlebt haben,
in einem Club,
einem Club, den wir nicht kennen,
wo Billy Holiday ein Lied flüsterte,
und Frank O’Hara hing an der Klotür
und ihm blieb
wie ers hörte
die Luft
weg.

Sechs Jahre davor (nicht auf den Tag genau)
heiratete JFK seine Jackie
auf einer anderen Insel (s.o.),
in der Kirche Saint Mary,
bevor ihn
(versteht sich das nicht von selbst?),
also, bevor ihn,
zehn Jahre später,
auf keiner Insel
(denn nicht alles ist Insel),
einer erschoss,
worüber Dylan dieses Jahr, 2020,
etwas sang
(ich habe vergessen, was – es ist zu kurz her).
Es besteht zwischen den drei Vorfällen
kein Zusammenhang, und doch besteht er.
Go figure.

Bobby Zimmerman singt im 5 SPOT.
Er stöpselt seine STRATOCASTER ein –
und singt was?
Bei dem Krach,
ist es schwer zu verstehen.
Etwas von einem Bauernhof?
Es geht eine Träne auf Reisen?
Jedes Schiff findet seinen Hafen?
Nein, jetzt, glaubt man, wird es klarer,
man glaubt man hört er singt:
Doch wenn Moses Welle an Trumps Mauer schlägt,
tragen Kaulquappen Skorts und Slim Shady trägt
seine größten Erfolge unplugged vor;
Krischna weint, er hat nicht länger Stalins Ohr.
Frank O’Hara nimmt einen Nachen.
Er zieht Sankt Georgs Lanze aus dem Drachen,
bricht sie mittendurch
und mit den beiden Riemen
schlägt er dem Pazifik weiße, sahnige Striemen.
Er rammt das Pi-Ti one-oh-nine,
und dann tritt er mit Kennedy in den Verein
der Freizeit-Kap-Hoorniere ein.
Zurück gehts gemeinsam auf einer Windjammer,
und beide singen: Oh, hätt ich nur einen Hammer!

Friede den Palästen,
sie sind heute Museen
(zumindest die alten,
denen früher Animositäten galten).
Der neue Hafen
ist alt geworden.
Bruchstücke der Geschichte stehen auf Tafeln geschrieben.
Die Zeiten haben sich geändert, die Namen sind geblieben.
An der steilen Küste von Newport bröckelt der rock, der Fels,
Es vergeht viel Zeit, bis einer, bricht – bricht, rollt und fällt.

Eine Welle bricht sich an felsiger Küste in Newport, Rhode Island

Steter Stein zerstäubt die stärkste Welle
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)

>> 37. Kalenderwoche