Gedichte

Pflicht und Kür (15)

Ein Wochentagebuch in zwei Teilen
27. Kalenderwoche 2020

>> 26. Kalenderwoche

(15.1)

Ein Sockel steht allein, darauf ein Fuß, vom Grünspan ist er ziemlich mitgenommen, hat lange keine Politur bekommen, steht nur noch dort, weil er dort stehen muss, denn um zu gehn, fehlt ihm das Gegenstück – ist es davongehüpft? hat mans gestohlen? Buntmetalldiebe, Teufel ließ es holen? – ein Schnallenschuh, nichts weiter blieb zurück; auch fehlt am Stein die Widmung, fehlt der Name, nur Krakel, A im Kreis und auch resist ist neben fuck und ACAB alles was man liest, … vielleicht dient das hier später zur Reklame? Man stellt ein Landei auf, ein Trum – doch, Ironie, es kippelt, schwankt – es fällt : Humpty-Dumpty.

(15.2)

Ein Lichtpunkt an der Wand,
drei Meter von mir entfernt,
und durch ein Dreieck,
das ich mit verschränkten Händen mache,
blicke ich darauf, während er
seine Hand einmal hin, einmal her,
ins Blickfeld hält,
und einmal sehe ich den Punkt aus Licht
und einmal sehe ich ihn nicht.
Dr. Feinstein nickt, sagt: Gut –
ihr Führungsauge ist das Linke.
Mir ist es recht. Von einem Führungsauge
hatte ich noch nicht gehört,
und gibt es das und muss schon eines führen,
warum dann nicht das Linke.

Zu meiner Herkunft sagt Dr. Feinstein nichts
(besagt das was?), beziehungsweise,
er sagt, er kannte einen, der aus Hameln kam.
Ich sage: Ah, der Rattenfänger.
Dann fällt mir ein, so sagt man nicht,
und ich sag: Der gescheckte Flöter,
und er sagt: Ja, genau.
Meiner Frau hingegen,
die ist nach mir dran,
erzählt er, er stamme aus Petersburg, Virgina,
und nach Washington sei die Familie gezogen,
damals, da sein Vater in der Firma
gegen Rassentrennung aufgetreten sei,
worauf man ihn entließ.
Ob er das
mir nicht,
aber ihr
wegen ihrer
Hautfarbe erzählt,
weiß ich nicht,
beziehungsweise,
doch, ich weiß es.

Am Schluss sind alle zufrieden:
Der Augenarzt, weil er zum ersten Mal,
seit im März die Quarantäne begann,
wieder Patienten empfangen kann,
ich, weil ich Kontaktlinsen bekomm,
mit denen ich auch lesen kann
(und schreiben – dies hier zum Beispiel),
und meine Frau, weil sie durch ihre
neue rote Brille, der Welt
noch schöner erscheint.

So war im Jahr 2020 mein 4. Juli,
im Distrikt Columbia, in Washington, D.C.

Der Stumpf eines abgesägten Baums in Draufsicht

Des Einen leblose Leerstelle ist des Anderen Platzhalter für Sinnangebot
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)

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