Gedichte

Der Hannah Arendt-Übersetzungs-Challenge

Nein, es geht nicht darum, Hannah Arendt zu übersetzen. Vor einiger Zeit stieß ich im New Yorker auf einen Aufsatz Arendts über W.H.Auden. Sie geht darin unter anderem auf eines ihrer Lieblingsgedichte ein, Audens If I Could Tell You (hier eine Aufnahme von Auden und hier der Text).

Arendt schreibt: „The very untranslatability of one of Auden’s poems is what, many years ago, convinced me of his greatness. Three German translators had tried their luck and killed mercilessly one of my favorite poems, If I Could Tell You.” Die Namen der drei Übersetzer finden sich in der deutschen Fassung des Aufsatzes: Hans Egon Holthusen, Kurt Hoffmann und Georg von der Vring.

Unübersetzbar? Das wollen wir doch mal sehen, sagte ich und übersetzte. Die anderen Übersetzungen kannte ich nicht; ich habe sie erst jetzt gesucht und gefunden – auf dieser Seite –, man muss dort ein wenig nach unten scrollen.

Hier meine Übersetzung, beziehungsweise Nachdichtung:

Und könnt ichs sagen

Zeit sagt nichts, sagt nur: Hab ichs doch gesagt.
Zeit weiß allein, die Rechnung kommt am Schluss.
Wenn ich es wüsste, dir hätt ichs gesagt.

Wenn Clown dir Tränen in die Augen jagt,
wenn Musik tanzt, doch Füße machen Stuss,
sagt Zeit nichts, sagt nur: Hab ichs doch gesagt.

Die Zukunft schweigt, gleich wie man sie befragt,
dich lieb ich – wie, beschreibt kein Redefluss,
und, könnt ichs sagen, dir hätt ichs gesagt.

Licht kommt aus welchem Grunde, wenn es tagt?
Und warum macht das Laub, wenns Herbst wird, Schluss?
Zeit sagt nichts, sagt nur: Hab ichs doch gesagt.

Die Rose, blüht sie nur weils ihr behagt?
Erhält die Sehkraft ihren vollen Radius?
Wenn ich es wüsste, dir hätt ichs gesagt.

Was, wenn kein Löwe eine Jagd mehr wagt?
Soldaten desertieren wie im Sand der Fluss?
Sagt Zeit dann nichts, sagt: Hab ichs nicht exakt…?
Wenn ich es wüsste, dir hätt ichs gesagt.

Gefallene gelbe Gingko-Blätter im Herbst

Laub macht Schluss. Foto: Martin Bartholmy
(Eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier).