Gedanken

Die Leere der Vergangenheit

Ein Essay
von Martin Bartholmy

Gebranntes Kind scheut das Feuer, und, einmal gemeistert, verlernt man das Radfahren nie.
Das Lernen: Zusammenhänge erkennen, Muster begreifen, sie übend nachahmen – und schließlich hat man es verinnerlicht, man hat es drauf, und alles geht besser, hoffentlich.

So die Idee. So lernt man Schwimmen, Rechnen, Rechtschreibung und Grammatik, lernt, dass Gravitation humorlos ist und Masse träg. Wie aber verhält es sich mit, gewissermaßen, zwischenmenschlichen Angelegenheiten, soll heißen, mit jenem Feld, wo sich unser Gewurschtel mit der vierten Dimension kreuzt – mit der Geschichte?

Was war früher? Und was sagt uns das heute noch?
Früher sah die Welt z.B. so aus – beziehungsweise, früher wurde die Welt z.B. so gesehen: Von außen drohte die gelbe Gefahr, die rote Gefahr – Barbaren, die tsunamihaft von Osten auf das Abendland zurollten –, und im Westen räkelte sich faul die Dekadenz: Völlerei, Schweinkram, Überfeinerung, Rassenvermischung und Abfall vom Glauben, wodurch Volk bzw. Hochkultur (bevorzugten Begriff ankreuzen) von innen heraus verrottete. So ungefähr malten es einst angesagte Theorien aus, welche verklickern wollten, warum das attische Griechenland, das Römische Reich untergingen, und, war dieser Lehrstoff vermittelt, stellte man qua Analogie der eigenen Zeit und Gesellschaft eine ganz ähnliche Diagnose: Früher hatten wir Shakespeare und Goethe – heute Oscar Wilde und Hugo von Hofmannsthal; früher bauten wir Kathedralen – heute Konsumtempel. Wehe, wehe …

Hier wird Geschichte ausgerollt wie ein Ballen Stoff. Man will die Webart sehen, das Muster, und man hofft, durch solche Aufsicht eine Übersicht zu bekommen, und dass man Gesetzmäßigkeiten erkennt – seien es mehr oder weniger zyklische Weltalter (von einer Goldenen Zeit bergab durch die weniger edlen Metalle – und evtl. retour), seien es Kondratjew-Wellen, die das wirre Auf und Ab der Konjunkturen ordnen und kommende Wechselfälle vorhersagen wie der Astronom eine Sonnenfinsternis.

Interferenzen zwischen Geschichte und Mathematik gibt es, wenn auch nur bei der Chronologie – und selbst da bereiten sie Bauchschmerzen: Die zeitlichen Abfolgen, beispielsweise, im Alten Reich Ägyptens sind alles andere als klar, und naturwissenschaftliche Methoden schaffen nicht immer Abhilfe. Mit der Radiokarbondatierung erhält man Werte wie X ± 30 Jahre (von Verunreinigungen und anderen Fehlerquellen ganz abgesehen).

Geschichte, darauf verweist der Begriff, ist jene Zeit, für die wir schriftliche Quellen haben, beziehungsweise, sie beginnt, wenn sich Staaten bilden, was, da ein staatlicher Apparat der Schrift bedarf, auf dasselbe hinausläuft, denn „Wer schreibt, bleibt. Wer spricht, nicht“ (Robert Gernhardt) und auf die Geschichte bezogen bedeutet dies, wie es bei Eichendorff heißt: „Die handeln und die dichten, / das ist der Lebenslauf, / der eine macht Geschichten, / der andre schreibt sie auf.“

Schrift und andere auf Ewigkeit angelegte Zeugnisse – Monumente, Wandmalerei, Münzen – sind allerdings, wie wir’s auch drehen, von endlicher Dauer, und nicht leicht ist es, dem Flickenteppich dessen, was bliebt, einen Sinn zu entlocken.

Weil die Weltgeschichte von dem Reichthum und der Armuth an Quellen abhängig ist, so müssen eben so viele Lücken in der Weltgeschichte entstehen, als es leere Strecken in der Überlieferung gibt. So gleichförmig, nothwendig und bestimmt sich die Weltveränderungen auseinander entwickeln, so unterbrochen und zufällig werden sie in der Geschichte in einander gefügt sein. Es ist daher zwischen dem Gange der Welt und dem Gange der Weltgeschichte ein merkliches Mißverhältnis sichtbar. Jenen möchte man mit einem ununterbrochen fortfließenden Strom vergleichen, wovon aber in der Weltgeschichte nur hier und da eine Welle beleuchtet wird.
(Friedrich Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?, 1789)

Nur hier und da also fällt das Licht der Erkenntnis auf einen Wellenkamm … Mustererkennung, ick hör dir flöten jehn.
Es ist, wie wenn wir in dunkler Nacht bei Wetterleuchten versuchten, eine Landkarte zu lesen. Vieles sehen wir schemenhaft und nichts genau, was die Freiheit der Deutung ungemein erhöht. Solche Deutung Marke Eigenbau aber gefällt dem Deuter nicht selten besonders gut, und es ist wie bei dem Kinde, welches stolz etwas anbringt, es einem unter die Nase hält und sagt: Da, schau – das hab ich selbst gemacht!

Drum, ist auch die Datenlage mau, die Theorien hindert’s nicht, ins Kraut zu schießen, ganz im Gegenteil. Aus Kaffeesatz lässt sich besser das herauslesen, was einem zupass kommt, als aus einem offenen Buch, in welchem haarklein alles aufgeschrieben steht.

Was aber, wenn keine Handschrift, kein Palimpsest, wenn nicht einmal eine einzelne Rune zu finden ist? Die Früh-, Ur- und Vorgeschichte sind das Reich der Archäologie, und hier haben die Naturwissenschaften das Sagen – die Stratigraphie, die Dendrochronologie, die Isotopenanalyse, Thermolumineszenz sowie, was menschliche Überreste betrifft, die Osteoarchäologie, die Analyse von Zahnschmelz, die Paläogenetik etc. pp. Ohne all jene Verfahren und Hilfswissenschaften gäbe es die Vorgeschichte nicht, und auch in der Geschichte gelingt es auf diesem Wege, bedeutende Lücken zu schließen und ältere Hypothesen ins Wanken zu bringen oder zu bestätigen. Laut historischer Quellen und laut Shakespeare sah Richard III. aus wie der Glöckner von Notre Dame. Stimmt das? Seit wir sein Skelett gefunden haben wissen wir, der Mann litt an einer Verkrümmung der Wirbelsäule.

Die „exakten“ Naturwissenschaften haben auch Nachteile. Nicht immer sind sie so exakt, wie sie es zu sein vorgeben, vor allem aber sprechen sie nicht für sich. Mancher Technik-Laie und auch Historiker lässt sich von den Apparaten blenden, die aus der Holzpantoffel einer unbekannten Toten und einem Stückchen ihres Zahnschmelz? die Nachricht hervorzaubern, die Betreffende sei vor 4750 Jahren in den Karpaten aufgewachsen. Zauberei!
Derartige Befunde – und, keine Frage, die Forschung hat auf diesem Weg sehr bedeutende Fortschritte gemacht – derartige Befunde müssen gedeutet werden, denn für sich genommen sind sie bedeutungslos.

Beispiel: Ein Baum wurde um das Jahr 1150 im Ostseeraum gefällt. Schön und gut. Aber was sagt uns dies über das Boot, zu dem das Holz gehörte und dessen Überreste am Unterrhein gefunden wurden? Und was sagt es uns über die Menschen, die dieses Boot bauten und nutzen? Erst einmal nichts. Hinzu kommen, zweitens, Fehler, beispielsweise, weil ein Fundstück, welches man analysiert, mit anderem Material kontaminiert ist, oder aber, drittens, fundamentale Fehleinschätzungen, da bestimmte Gegenstände und Spuren sich gut erhalten, andere hingegen kaum oder gar nicht, weshalb Rückschlüsse auf die tatsächliche Verbreitung und Nutzung bestimmter Objekte entsprechend schwierig sind. Konkret: Eine Zivilisation, die Schüsseln aus Keramik fertigte, ist leicht zu belegen, eine hingegen, die hierzu Blätter und Baumrinde verwendete, mag dem Forscher als schüssellos erscheinen.
Für sich allein ergibt ein Fund keinen Sinn; der Sinn entsteht erst im Zusammenhang. Fehlen große Teile des Zusammenhangs, wird es schwierig, und schließlich besteht auch die Gefahr, Korrelation zu verwechseln mit Ursache und Wirkung.

Die Sedimente eines verlandeten Sees in Mittelamerika zeigen, dass dort um das Jahr 900 eine große Dürre herrschte; Baumringe aus der selben Gegend bestätigen dies. Ist dann nicht glasklar, dass es durch diese Trockenheit bei den Maya erst zu Hungersnöten kam, dann zu Krieg, zu Bürgerkriegen – und am Ende brach ihre ganze Zivilisation zusammen?
Eine derartige Schlussfolgerung ist keine, es ist bestenfalls eine Hypothese, und belegen ließe sie sich erst, wenn viele weitere Funde (und/oder Schriftquellen) sie untermauerten. Bei solchen Korrelationen ist zudem stets auch der Umkehrschluss zu bedenken: In Sedimenten, Eisbohrkernen oder Baumringen wird man viele Belege für extreme Naturereignisse finden. Bei der Interpretation muss es entsprechend darum gehen, nicht einfach jene Ereignisse herauszupicken, mit denen sich eine vorgefasste These „beweisen? lässt; vielmehr muss die Frage beantwortet werden, warum, angenommen, Ereignis X führte zu einer Katastrophe, dies beim sehr ähnlichen Ereignis Y nicht auch der Fall war.

Im Gedicht, bei einem Reim besteht zwischen den Reimwörtern eine Beziehung, nur ist diese, wie bei Morgensterns Wiesel, das auf einem Kiesel inmitten Bachgeriesel sitzt, weder kausal, noch muss sie zwingend logisch sein.

Neben solchen Problemen mit Verfahren und Methoden, wirft die naturwissenschaftliche Sicht auf die Geschichte auch grundsätzliche Fragen auf.
Nehmen wir eine andere Disziplin, die Literaturwissenschaft, und stellen wir uns vor, das Studium literarischer Formen, ihres Entstehens und ihrer Entwicklung würde revolutioniert durch einen Ansatz, der die chemische und physikalische Untersuchung von Schreibmaterialien und -geräten in den Vordergrund und dabei Fragen stellte wie, welche Tinte, welcher Typ Feder und welche Art Schreibmedium und Schreibunterlage und Schreibort welche Art von Literatur hervorbringt.
Wer weiß, vielleicht gelangten wir so zu der Einsicht, das Sonett verdanke sich der Erfindung einer neuartigen Tinte, und das elisabethanische Theater sei entstanden, weil anders hergestellte Papiersorten ein flüssigeres Schreiben möglich machten. So interessant und vor allem unterhaltend solche Ansätze sein mögen, haben sie doch den Nachteil, dass, verfolgt man sie nur konsequent genug, am Ende die Einsicht stünde, Galläpfel (nicht Petrarca) hätten den Canzoniere hervorgebracht und Glätthämmer (nicht Shakespeare) den Hamlet geschrieben.

Auf die Geschichtsschreibung übertragen heißt das, in dem Maße, in dem die Archäologie in die historischen Epochen vordringt und beginnt, unsere Sicht von ihnen zu beherrschen, während gleichzeitig Geschichte auf die Jahrzehnte, Jahrhunderttausende, ja, Jahrmillionen der Vor-, Natur- und Erdgeschichte ausgeweitet wird, in diesem Maße verschwindet auch der Mensch aus der Geschichte, soll heißen, der Mensch als jenes Wesen, welches Geschichte erst macht, indem es sich selbst, seine Gemeinwesen und die Welt um sich herum in den Griff bekommt und gestaltet.

Eine Geschichtswissenschaft, die sich mit naturwissenschaftlichen Methoden auf die Zeit vor der Geschichte ausweitet, und die gleichzeitig Schriftquellen, Kunstwerke, Bauten und Bilder, die wir aus den historischen Epochen haben, als wissenschaftlich fragwürdig, weil subjektiv abwertet und stattdessen geologische, chemische und physikalische „Fakten“ zu objektiven Determinanten erhebt, verstößt den Menschen an den Rand der Bühne, wo er (als ginge das zusammen) entweder Statist, das heißt, Spielball der Elemente, ist oder aber ein das natürliche Gleichgewicht störender Quertreiber, der sich weigert, beim Schauspiel, welches die Naturgesetze aufführen, bloß Publikum zu sein, und stattdessen selbst auf die Bühne stürmt und alles vermasselt.

In volkstümlichen Erzählungen klingt das so:

Wie soll man sich die Schönheit eines ganzen Kontinents vorstellen, der sich über hunderte Millionen Jahre entwickeln konnte, ohne dass ihn je ein Mensch betreten hat? Wie soll man glauben, dass Abermillionen Vögel bei ihren Zügen den Himmel verdunkelt haben? (…) Das ursprüngliche Amerika, ein Land mit gewaltigen Küsten, eine Welt aus Flussmündungen, Buchten und Meeren, in denen sich eine großartige Natur austobte. Wie viel Delphine, Wale und Schwertwale man damals an einen einzigen Tag auf See wohl zählen konnte? (…) Die gewaltigen Kräfte der Natur beherrschten den Winzling Mensch. Über mehrere Generationen ließen diese ersten Pioniere sich von einer unerschütterlichen Motivation dazu leiten, dieses phantastische Epos fortzuschreiben.
(„Die Channel Islands vor Kaliforniens Küste. Das Paradies.“ arte 2016)

Wer, mag man sich fragen, hat wohl in den Jahrmillionen, bevor der Mensch die Bühne betrat, die Abermillionen Vögel am Himmel gezählt? Wer hatte einen Begriff von Schönheit? – Dennoch, nicht jede Einzelheit dieses Historienschinkens ist falsch. Der Urmensch und auch der historische Mensch war lange Zeit fast ganz von der Natur abhängig – und also mehr Objekt der Evolution als Subjekt der Geschichte. In dem Maße allerdings, in dem der Mensch seine eigene Welt schuf, das heißt seine Kultur, seine Werkzeuge, seine Nutzpflanzen und Haustiere, seine Unterkunft, Arbeit und Freizeit, in eben jenem Maße verwandelte er die Kräfte der Natur zuerst in Götter, die er nach seinem eigenen Abbild gestaltete, und die er später, je mehr er die Natur verstand und beherrschte, ablegte und in den Theaterfundus gab.

Es ist eine besondere Ironie, dass heute die avanciertesten technischen Mittel, die in den archäologischen Hilfsdisziplinen zum Einsatz kommen, nicht als Beleg für das immer souveränere Natur- und Weltverständnis des Menschen gelten, sondern im Gegenteil als Kronzeugen, welche belegen sollen, wie – noch so ein Widerspruch – gleichzeitig ohnmächtig und ungeheuer destruktiv der Mensch ist.

Die Recyclingtonnen der Geschichte

Die Recyclingtonnen der Geschichte, Foto: Martin Bartholmy
(Eine hochauflösende Version dieses Foto findet sich hier.)

Womit wir wieder bei den eingangs erwähnten historischen Mustern wären, den kloschüsselartigen wie den eiffelturmförmigen.

Gibt es solche Muster in der Geschichte? Oder ist es eher so, dass wir, mit unseren Sinnen und im Geiste auf das Erkennen von Mustern spezialisiert, auch dort Muster sehen, wo gar keine sind – so wie bei der Pareidolie, unserer Neigung, in allerlei Dingen und selbst in gegenstandslosen Formen Gesichter zu erkennen.

Hinzu kommt, die Beschäftigung mit der Geschichte rührt nicht selten her von Fragen nach dem Sinn des Lebens oder ist von dem Versuch geleitet, dem eigenen Leben und der Gegenwart Sinn zu verleihen sowie Vorhersagen für die Zukunft zu treffen.

Daran ist erst einmal nichts auszusetzen. Problematisch wird es, wenn das ersehnte Ergebnis die Suche leitet und die Erkenntnis überformt, und diese Gefahr ist groß, da wir dazu neigen, in unübersichtlichen Lagen, das heißt, in Situationen, in denen wir wenig oder keine Kontrolle haben, besonders viele Muster dort zu sehen, wo keine sind, gibt uns dies doch die Illusion, aus Unordnung Ordnung, aus Unsinn Sinn zu schaffen.

Im Extremfall sind solche Muster Verschwörungstheorien. Oft jedoch sind sie weniger verquer und näher am Mainstream (was für mehr positives Feedback und somit für ein stärkeres Gefühl von Sicherheit sorgt). Diese „Sicherheit“ muss dabei nicht zu einem hoffnungsvollen Bild der Welt führen, denn weniger als um eine positive Perspektive geht es darum, die Welt und ihre Abläufe zu meistern, und sich über das Wirrwarr des Lebens zu erheben, indem man die Deutungshoheit erringt. Ist alles glasklar katastrophal, dann hat man immerhin diese Gewissheit; eine wirre und schwankende Welt hingegen zieht einem den Boden unter den Füßen weg.

Muster gibt es in der Geschichte keine, zumindest nicht im engeren Sinne, das heißt als wiederkehrende Wellenmuster oder zyklisch ablaufende Zeitalter. Der Geist der Geschichte ist kein Murmeltier, und er grüßt nicht täglich von Neuem, auf dass wir irgendwann, nach viele Fehlversuchen, einmal endlich alles richtig machen.

Muster gibt es in der Geschichtsschreibung, und diese historischen Schnittmuster – genauer: diese historischen Rorschachtests – haben eine lange Tradition, eine Tradition, die manchmal Zuversicht ausdrückt, viel öfter aber Heulen und Wehklagen. Dieses Widerspiel von Widerspiegelungen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist ungefähr so alt wie die Theorie, Geschichte verlaufe in Zyklen, was darauf hindeutet, zyklisch verlaufen hier nicht die zu interpretierenden Zeitalter, zyklisch verlaufen die Interpretationen (und gibt es solche Zyklentheorien erst einmal, was leichter, als sie zu recyclen?).

Selige, dunkele Zeit, da der Stein dem Ewigen diente,
Während die heutige Kunst nur die Caserne begreift!
Menschen ja waren es doch, die diese Fragmente gegründet;
Sind wir nicht ihres Geschlechts? Hat das Geschick uns enterbt?
(Karl Immermann: Clio, 1823)

Hat es? Und meint „Geschick“ hier Schicksal? Meint es einen Mangel an Geschick, soll heißen, die Alten hatten es kunstmäßig voll drauf, heute dagegen Ungeschick, Pragmatismus und Pfusch am Bau? Syntaktisch Ersteres, jedoch scheint der Dichter beides im Sinn gehabt zu haben – und im weiteren Verlauf des Gedichts keimt die Hoffnung, auf den zitierten Niedergang könne ein neues Goldenes Zeitalter folgen, geht es in Immermanns Gedicht doch um den unvollendeten Kölner Dom … und siehe, gut fünfzig Jahre später war das Ding tatsächlich fertig und für kurze Zeit sogar das höchste Gebäude der Welt.
Geht doch!
Beziehungsweise: Ging doch!

Das 19. Jahrhundert, so eine kulturhistorische Binsenweisheit, war zuversichtlich oder, in aktueller Diktion, es war fortschrittsgläubig, und dieser unverfrorene Optimismus dauerte an, bis zwei Weltkriege ihm im Folgejahrhundert den Garaus machten.

Aber stimmt das auch? Im Vergleich zum Heute trifft dies punktuell zu, im Großen und Ganzen aber nicht. Die herrschende Sicht im 19. Jahrhundert, das heißt jene des konservativen bis liberalen Bürgertums, war nicht ein schrankenloses Vertrauen in eine immer bessere Zukunft. Grob gesagt war das vorvergangene Jahrhundert in seiner ersten Hälfte geprägt von der Romantik, und also von einer Sehnsucht nach einer einfacheren, älteren Welt – nämlich nach dem Mittelalter, als, so dachte man, die Welt noch eins war, mit sich im Reinen, weil zusammengehalten durch den einen festen Glauben und eine gottgegebene, unerschütterliche Ordnung, in welcher jeder in einen festen Stand geboren wurde und diesem sein Leben lang fraglos angehörte.

Hierzu traten im Verlauf des 19. Jahrhunderts Freuden und Ängste über die sehr spürbaren technischen, wissenschaftlichen und materiellen Neuerungen – Eisenbahn, Telegraph, Dampfschiff, Flussregulierung, wissenschaftlicher Landbau, Impfungen, Elektrizität etc. pp. Der Zuversicht angesichts bestimmter Fortschritte hielt meist ein sozialer Pessimismus die Waage, die Sorge nämlich um die Zerstörung von Tradition und Glauben und die Furcht vor Aufstieg und Vermehrung des Pöbels, der an die Stelle des vormals angeblich zufriedenen Landmanns trat und drohte, die politische Ordnung und ihre Werte über den Haufen zu werfen.

Ist heute vom „fortschrittsgläubigen 19. Jahrhundert“ die Rede, ist damit der, in der Tat rasante, technische Fortschritt dieser Jahre gemeint, und die soziale Frage wird ausgeklammert. Typisch für diese Zeit sind jedoch ebenso die dunklen, verzweifelten Töne – Verlust des festen Bodens unter den Füßen und Furcht vor dem drohenden Chaos. Wenn die Dichter dieser Zeit über den geistigen Strand ihrer Gegenwart wandelten, die feste Vergangenheit im Rücken, das unsichere Meer der Zukunft im Blick, dann fiel die Diagnose zwiespältig aus.

Hier auf dem Strand erging ich mich und gab der edlen Jugend Kraft
mit märchenhafter Wissenschaft und dem, was Zeit auf Dauer schafft.

Die Epochen alt und müde lagen hinter mir als Krume
und fest hing ich nur am Jetzt, am mir versprochnen Ruhme.

Mein Auge in die Zukunft tauchte, so weit der Blick nur ging
und sah ein Bild, sah eine Welt, die voll von Wundern hing.
(Alfred Tennyson: Locksley Hall, 1835)

Wunder der Zukunft, schön und gut – doch wiegen sie die Verluste auf?

Das Meer des Glaubens,
einst war’s randvoll, zog sich um alle Lande
gefältelt wie ein geschnürter Gurt und hell.
Heut höre ich der Wellen Wippen
nur fern und düster ebbend branden,
Meer weicht zurück im Nachglanz,
im Nachtwind und es rinnt über düstre Klippen,
über die nackten Schindeln dieser Welt.
(Matthew Arnold: Strand von Dover, um 1851)

Auch heute gibt es beachtliche Fortschritte in Technik, Medizin und Wissenschaft, und es ist nicht so, dass diese rundheraus ausgebuht würden. Jedoch ist die Linie, auf der wir uns bewegen, und entlang derer wir Vergangenheit und Zukunft miteinander vergleichen, eine andere geworden – nicht zuletzt, weil es heute keine politische Kraft gibt, die für eine Zukunft kämpft, die ganz anders ist als Gegenwart und Vergangenheit. Im 19. Jahrhundert entstand die Linke; heute gibt es „Die Linke“.

Fehlt eine Kraft, die die Welt neu gestalten will, dann steht jede neue Errungenschaft unter Generalverdacht, und auf jede Erfolgsmeldung folgt, wie das Amen in der Kirche, ein Katalog von „abers“. Die Elektronik wird schneller, kleiner und kann immer mehr – aber, das geht auf Kosten endlicher Ressourcen (deren Abbau zudem die Natur vergiftet) – aber die Herstellung führt zu Ausbeutung in der Dritten Welt – aber die Nutzung lullt uns ein und lenkt uns ab von den wirklich wichtigen Dingen – aber Elektrosmog macht Krebs – aber, ist das Gerät kaputt, verschmutzt der Müll auf Jahrtausende das Grundwasser.

Die meisten Menschen benutzen dennoch gern die neueste Elektronik, wenn auch mit etwas schlechtem Gewissen. Mag man damit angeben, dass man sich ein Gerät leisten kann, wirklich stolz auf solche Erfindungen ist man nicht, wissen wir Europäer doch, dass bei ihrem Zustandekommen unsere Hand keine Rolle spielt, nicht wahr? … zuständig ist das Mooresche Gesetz (unter Mithilfe vieler Menschen im Fernen Osten).

Der Osten stürmt voran, in der Hand das Banner des Fortschritts; der Westen trägt schwer an nachhaltigen Bedenken und geht gebeugt. Woran erinnert das?
Zu Beginn sprachen wir von älteren Geschichtsbildern, darunter dem vom dekadenten Westen, der dem Untergang geweiht ist, da ihm die Kraft fehlt, weshalb er den Horden, die, von keinem Zweifel angekränkelt, aus dem Osten anbranden, nichts entgegenzusetzen hat.
Solche Metaphern für schwächelnde Zivilisation und auftrumpfende Barbarei haben eine lange Geschichte. In Tacitus’ Germania spielen Sueben, Chatten & Co. die Rolle der Naturburschen, deren tumbe Einfalt, reine Kraft dazu dient, den vom rechten Weg abgekommenen Römern den Spiegel vorzuhalten.

Wenn alte Erzähl- und Erklärmuster wiederverwendet werden, bleiben diese nicht unverändert. In der Regel kommt es zu einer Art Upcycling, soll heißen: Muster gut – aber diese Farben! Das geht gar nicht, und außerdem soll aus dem Trachtenjanker bitteschön ein Backpack werden.

Das Muster vom schwächelnden Abendland, vom anbrandenden Morgenland wurde im 19. und frühen 20. Jahrhundert gerne sozialdarwinistisch, das heißt mit Rassetheorien, unterfüttert – wobei man damals unter „Rasse“ nicht unbedingt das verstand, was heute über diese Zeit kolportiert wird. Es stimmt, man versuchte wissenschaftlich zu untermauern, dass beispielsweise Afrikaner oder Asiaten von Natur aus minderwertig und den Angelsachsen & Co. unterlegen seien. Das war aber nicht alles. Auch in Europa, glaubte man, gebe es zwei Rassen, eine edle, Träger abendländischer Kultur, und eine minderwertige, die sich, je nach Autor, entweder durch Einwanderung gebildet habe (die Juden, Slawen, Zigeuner), oder die einen Überrest primitiver Völker darstelle (in England dachte man dabei z.B. via die Iren an die Kelten), oder die, durch degenerative Prozesse entstanden, sich nun, weil jenseits jeder Moral, als entartete Rasse besonders ungezügelt vermehre (der Pöbel mit seinen zahllosen Blagen).

Heute wissen wir es natürlich viel besser (was überrascht, wird doch sonst die Vorstellung, die Dinge würden besser, meist verworfen) … heute, also, da wir glauben, alles besser zu wissen als früher, hängen wir solchen abstrusen Rassetheorien selbstverständlich nicht mehr an und schütteln den Kopf: Also wirklich – wie leichtgläubig und böse die Menschen früher waren!

Unsere Vorstellung vom Niedergang ist heute eine ganz andere. Sie setzt sich zusammen aus, erstens, der Überheblichkeit des Westens (Machbarkeitswahn + Fortschrittsgläubigkeit), die, zweitens, dazu führe, dass über Jahrhunderte natürliche Ressourcen sowie Menschen in aller Welt ausgebeutet wurden. Dafür erhalten wir nun die Rechnung, nämlich vom Rest der Welt und von den Gesetzen der Natur, als da sind, die Grenzen des Wachstums, die endliche Erde und das empfindliche Klima. Dieses Bild vom Untergang, in dem die Sanftmütigen das Erdreich besitzen und eine Sintflut alles Übel hinwegspülen wird, ist erstaunlich biblisch.

Die Theorien vom Rassentod und vom Klimatod haben, neben dem Exitus, einen zweiten gemeinsamen Nenner, postulieren sie doch beide, dass der Mensch den Urzustand, das heißt, das ideale Gleichgewicht der Natur störe und so einen naturgesetzlichen und kaum aufzuhaltenden Prozess anstoße, etwas, das, schlägt die Natur wieder einmal zurück, bei den besonders eifrigen Anhängern dieser Weltsicht (wie meist handelt es sich um Konvertiten) zu einem vordergründig traurigen, im Grunde aber selbstzufriedenen Kopfnicken führt. New Orleans wird durch einen Hurrikan überschwemmt – und Minister Trittin weiß mit klammheimlicher Freude sogleich, wer Schuld hat: Präsident Bush und seine verfehlte Klimapolitik (kürzlich wurde das Stück neu aufgeführt, die Rollen neu besetzt mit Houston und Trump).

Aber was höre ich? Grummeln, meckern, maulen da einige Leserinnen und Leser? : Ob ich etwa vorhätte, Klimaforschung mit Rassetheorie zu vergleichen?
Also … Luft hol … Zeit für einen

Abschweif: Vom Vergleichen
Man sollte Äpfel mit Birnen vergleichen, unbedingt. Gäbe es nur Äpfel und keine Birnen, oder nur Birnen und keine Äpfel, und könnte man also den Vergleich nicht anstellen, dann gäbe es mangels Kontrast weder Äpfel noch Birnen, es gäbe nur Obst.

Vergleichen sollte man allezeit – nicht bloß als „kritischer Verbraucher“. Vergleichen bedeutet nicht, zweierlei oder mehrerlei gleichzusetzen; es bedeutet, Dinge gegeneinanderzuhalten und abzugleichen: Was ist anders, was ist ähnlich, was ist scheinbar gleich, was fehlt?
Sicher, im Geplauder kann man „vergleichen“ sagen und „gleichsetzen“ meinen. Ist ja nur Geplauder, und man hört viel, bevor einem die Ohren abfallen. In einer Debatte, und sehr viel mehr in einer, die schriftlich geführt wird, darf gerne bedachter und präziser verfahren werden, und hier ist die Verwechslung von „vergleichen“ und „gleichsetzen“ oft auch gar kein Versehen, keine Schludrigkeit, sie ist der Versuch, den Andersdenkenden zu denunzieren und abzukanzeln – und dabei so zu tun, als setze man sich ein für Humanität, Demokratie und Menschenrechte (was man daran sieht, dass der Missbrauch des Wortes „Vergleich“ sehr oft einhergeht mit dem Missbrauch des Wortes „Nazi“ etc.).

Vergleicht man wirklich, und gleicht man Dinge miteinander ab und setzt sie zueinander in Beziehung, beginnt Denken und entsteht Bedeutung erst. Denn, was ist der schönste Gedanke, das größte Kunstwerk, die wichtigste Errungenschaft und auch das größte Verbrechen, wenn es alleine im Raum steht, ganz beziehungslos? Es ist nichts, denn es fehlt jeder Vergleich, der es zu etwas machen könnte. (1)
Ende des Abschweifs

Vergangenheit und Gegenwart – und die Zukunft? Ist sie vielleicht das Dritte des Vergleichs? Was könnte uns Geschichte lehren, was lässt sich aus ihr lernen?

Lassen wir noch einmal den bereits oben zitierten Professor aus Jena zu Wort kommen. Seinen Studenten erklärte er:

… das Studium der Weltgeschichte […] wird Ihren Geist von der gemeinen und kleinlichen Ansicht moralischer Dinge entwöhnen, und indem sie vor Ihren Augen das große Gemälde der Zeiten und Völker aus einander breitet, wird sie die vorschnellen Entscheidungen des Augenblicks und die beschränkten Urtheile der Selbstsucht verbessern. Indem sie den Menschen gewöhnt, sich mit der ganzen Vergangenheit zusammen zu fassen und mit seinen Schlüssen in die ferne Zukunft voraus zu eilen : so verbirgt sie die Grenzen von Geburt und Tod, die das Leben des Menschen so eng und so drückend umschließen, so breitet sie optisch täuschend sein kurzes Dasein in einen unendlichen Raum aus und führt das Individuum unvermerkt in die Gattung hinüber.
(Friedrich Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?, 1789)

Geschichte also, um sich über den Alltag und die eigene Macken zu erheben und das große Ganze in den Blick zu bekommen.

Wie aber, wenn dieses Bild zu groß wird, zu allgemein und wir uns darin verlieren?

Dazu kommen kann es auf zweierlei Art.
Zum einen ist der Begriff der Geschichte immer weiter ausgedehnt worden, erst auf die Früh- und Ur- und Vorgeschichte, dann auf die Hominiden und von da über die Natur- und Erdgeschichte bis ins Kosmische.
Tut man dies, geht es einem wie wenn man den bekannten Zoom vom Weltall ins Innere eines Atoms durchläuft – alles wird zu einem sich in Variationen wiederholenden Muster, das die Sinne hypnotisiert und, wie ein Schwarzes Loch, den Menschen verschluckt.
Aber bitte – ist das nicht korrekt, ist das nicht maßstabsgetreu? Was ist schon der Mensch angesichts der Größe des Universums?

Nun, der Mensch ist jenes Subjekt, das eben solche Überlegungen anstellt und mit einigem Erfolg versucht, sich selbst, die Natur, die Zeit und das All zu verstehen. (Ein anderes Subjekt gibt es nicht – sorry, Kirche, tschuldigung, Herr von Däniken). Oder, um ein bekanntes Musical falsch zu zitieren: Vögel tun’s nicht, Bienen tun’s nicht und auch gebildete Flöhe tun’s nicht – sie tun’s nicht, sie sind kein Subjekt.

Geschichte, ins Allgemeine erweitert, ist keine Geschichte; sie schneidet die einzigartige Rolle, die der Mensch in ihr spielt, aus dem Film – und am Ende haben wie statt einem Film einen Scherenschnitt, ein Klischee. Der Mensch ist nicht nur Gegenstand der Geschichte, er ist auch ihr Autor, Regisseur, Produzent, Hauptdarsteller, Charge, Cutter, Beleuchter und Komponist. Ohne Menschen keine Geschichte.

Wenn man also, wie immer öfter zu hören, den Menschen als „Primaten“ und nur einen unter mehreren Arten von Menschenaffen bezeichnet, walzt man die Singularität des Menschen platt und erhält statt Einsichten einen trüben Brei. Sicher, in biologischer Sicht ist der Mensch ein Primat, nur, reduziert diese Sicht, verallgemeinert man sie, die Verhältnisse bis zur Sinnlosigkeit. Auch ein Fahrrad ist gewissermaßen ein Auto, und das umso mehr im Vergleich zum Pferde.

Die zweite Art, in der das Menschliche – und damit die Essenz der Geschichte – heute aus eben jener vertrieben wird, besteht darin, einen quasi religiösen Gegensatz zwischen göttlicher Natur und teuflischem Menschen zu behaupten.

Ein Beispiel ist die Debatte über das Anthropozän, das heißt darüber, ob ein neues Erdzeitalter ausgerufen werden solle, „das Zeitalter des Menschen“. Nun könnte dies ein rein technischer, ein objektiver Schritt sein, von Interesse nur für einige Geologen, und bei dem es allein darum geht, eine vom Menschen geprägte Epoche der Erdgeschichte gegen andere Epochen abzugrenzen. Darum aber geht es nicht. „Anthropozän“ ist ein Kampfbegriff jener, die im Menschen in erster Linie einen lebensbedrohenden Parasiten von Mutter Erde sehen.

Ähnlich gelagerte Theorien gibt es zuhauf.

Kurz und gut, es kann keine Diskussion darüber geben, ob es für den Zusammenbruch früherer Gesellschaften heute Entsprechungen gibt, und ob wir daraus etwas lernen können. Diese Frage ist ein für alle Mal beantwortet, denn erst in jüngerer Zeit kam es zu solchen Zusammenbrüchen – und weitere scheinen unmittelbar bevorzustehen. Die eigentliche Frage ist also, wie vielen weiteren Ländern wird es so ergehen?
(Jared Diamond: Collapse, 2005)

Dass Jared Diamond als Biologe und Geograf so denkt, mag man ihm nachsehen, dass er jede Diskussion darüber verbieten will, sollte man ihm nicht durchgehen lassen.

Die von Diamond in seinen Büchern popularisierte These vom sozialen Zusammenbruch durch menschgemachte Umweltkatastrophen teilt die Geschichtswissenschaft eher nicht.

Es ist oft falsch, aus der Vergangenheit lernen zu wollen. Denn wir beurteilen sie immer nach unseren Maßstäben – mit oft unrühmlichem Ergebnis. Im Fall der Osterinsel hieß es stets: „Was haben sie nur mit ihrer Insel angerichtet – eine Katastrophe! Genauso wird es unserem Planeten ergehen.“ – Die Rapa Nui als abschreckendes Beispiel.
In Wahrheit haben die Rapa Nui ihre Welt durch die Entwaldung nicht selbst zerstört, sondern sich erfolgreich an die veränderten Umweltbedingungen angepasst. Wenn wir etwas aus der Geschichte lernen wollen, dann das: Die Rapa Nui befanden sich in einer schwierigen Lage – und überlebten trotzdem.
(Der belgische Archäologe Nicolas Cauwe in „Abenteuer Archäologie Osterinsel: Der Glaube der Rapa Nui“, arte 2015)

Die Geschichte hat Wert für die Gegenwart, aber nur, wenn sie nicht als Rezept- und Musterbuch gelesen wird. Geschichte regt uns an zu vergleichen, nur dürfen wir „vergleichen“ nicht missverstehen als „gleichsetzen“. Geschichte zeigt uns die Unterschiede, nämlich dass es einmal ganz anders war, und dass es also auch in Zukunft ganz anders werden kann, als es heute ist oder gestern war, – vorausgesetzt wir benutzen unsere singulären Fähigkeiten und denken, begreifen und gestalten. Es ist an uns, die Welt zu machen. Es ist an uns Geschichte zu machen.

(Die englischen Zitate wurden vom Autor übersetzt.)

Fußnote
(1) Man könnte meinen, die Verwechslung von vergleichen und gleichsetzen sei allein ein Phänomen der gedankenlosen Umgangssprache. Einige Beispiele dafür, wie dieses Wirrwarr auch auf die Wissenschaft durchschlägt finden sich im Kapitel „Vom Vergleichen? bei Wolfgang Schivelbusch: Entfernte Verwandtschaft. Faschismus, Nationalsozialismus, New Deal 1933-1939, Frankfurt 2008, S.7-22.

In etwas anderer Form ist dieser Essay zuerst erschienen in Novo Argumente Nr. 124 – 2/2017, Seite 273-286.