Geschichte

Walnuss auf Walze

Ein junger Mann – aber ist er auch wirklich einer? Und was heißt hier jung? – Besser also vielleicht: Eine nach überkommenen Vorstellungen eher als männlich anzusprechende Person von diesseits des Todes fuhr auf einem Leihfahrrad der – nun … sagen wir: der Firma Limone. Da jedes Ding einen Namen hat, einerseits, wir andererseits den sogenannten jungen Mann aber nicht verdinglichen wollen, nennen wir ihn ab sofort Krscheftz.

Der junge Krscheftz, sage ich, fuhr mit dem Leihfahrrad einer Firma, deren Klarnamen wir hier nicht nennen, denn Schleichwerbung gilt es zu vermeiden, fuhr mit dem Leihfahrrad durch eine Stadt die anonym bleiben soll, da auch die Nennung von Ortsnamen fast durchgehend landläufige Klischees verfestigt, fuhr also, sage ich, durch die Stadt, durch jene Stadt, fuhr durch einen Park – man könnte es auch eine geschützte Grünanlage nennen – und wie er so über Kies und zwischen Botanik radelte, wich er den Eichhörnchen aus, den Tauben und auch einem Hund. Dem Hund aber – und der Name des Hundes sei Pfdlwpp, seine Rasse aber bleibe ungenannt, da wir hier keine rassistischen Stereotypen unterstützen, … dem Pfdlwpp also wich der Krscheftz zu spät aus, weshalb er dann den Lenker um einiges zu jäh herumriss, erst aus der Spur geriet, dann ins Schleudern und schließlich mit seinem Rad, beziehungsweise mit dem von ihm zur zeitweiligen Nutzung gemäß der Geschäftsbedingungen gemieteten Rad in einen Baum krachte. Der Baum – das geben wir hier ganz offen zu Protokoll – … der Baum hieß Wally Walnuss, und ganz offen sind wir in dieser Angelegenheit, weil wir Gemunkel und Getuschel nicht Tür und Tor öffnen wollen. Unser Motto laute Transparenz, und wie wichtig Transparenz ist, in unserer Gesellschaft im Allgemeinen und im Besonderen in unserem tagtäglichen Leben, und wie sehr es aber zugleich vielerorts an Transparenz gebricht, sieht man daran, dass der Krscheftz, als er dem Pfdlwpp auswich, bei größerer Transparenz gar nicht verunglückt wäre, denn der Krscheftz auf dem Fahrrad Limone wäre durch einen transparenten Baum glatt hindurchgeglitten, anstatt, bedingt durch die bäumliche Intransparenz des vorgenannten Wally, auf diesen hart aufzuprallen, sich im Fallen den Arm zu verknacksen (ob den Linken, ob den Rechten, ob jenen in der Mitte – von uns erfahren sie es nicht; wir bleiben sachlich und neutral), und obendrein holte sich der Krscheftz durch den teils verzögerungsbedingten, teils gravitationsbedingten Aufschlag auf den grasarmen Wurzelteller – grasarm, weil die mangelnde Transparenz der Baumkrone rasenfeindlich ist – … holte sich der Krscheftz also durch den so bösartig verheftigten Aufschlag auf den böswillig verhärteten Boden verschiedene blaue Flecke und Abschürfungen (wobei es sich bei dieser Beschreibung, um keine ärztliche Diagnose handelt, sondern um volkstümliche Sprachbilder, aus welchen sich weder medizinische noch versicherungstechnische Schlüsse ziehen lassen).

Der Krscheftz sammelte sich. Der Krscheftz setzte sich auf. Der Krscheftz sah den unfallursächlichen intransparenten Stamm und an dem Stamm ein Schild, und auf dem Schild stand: Guten Tag! Ich heiße Wally Walnuss. Ich wurde 1986 geboren, und meine Eltern wohnen in der Euklid-Allee.
Euklid-Allee, dachte Krscheftz und rieb sich den Nacken: Wie unpassend. Wie unnatürlich und kalt. Wie eckig und knautschzonenlos. Und Wal-Nuss – was für ein gröblicher Missbrauch von Namen. Pfdlwpp sah das wohl ähnlich. Und jedenfalls trat er hinzu, hob ein Bein und entließ ein limonengelbes Rinnsal auf die Borke.

Hier ist es Zeit für den Dritten im Bunde. Auftritt des Hundehalters, der, um seiner Eigenschaft gerecht zu werden, den Pfdlwpp anleint. Anschließend stellt er sich uns und stellt sich vor allem dem Krscheftz vor – als der Versicherungsinspektor Harry Lime.
Tscha, sagt der Harry Lime, ein klarer Fall für die Rechtschreibprüfung – und hastunicht gesehen wird aus dem Pfdlwpp ein Pfadlos, aus dem Krscheftz aber werden Scherkräfte. Fall gelöst: Ohne Pfad wirken zu große Scherkräfte auf das Rad Limone. Allein deshalb jedoch wäre noch nichts passiert, hätte sich Wally Walnuss nicht intransparent in die physikalisch vorhersehbare Bahnkurve geworfen. Ergo heißt es für die Walnuss: Gehen sie ins Gefängnis. Begeben sie sich direkt dorthin. Gehen sie nicht über Los. Ziehen sie nicht 400 Taler ein. Eingezogen hingegen wird, wegen Verletzung der Aufsichtspflicht, die elterliche Euklid-Allee, und auf diese bauen wir ein Hotel, und mit den Einnahmen machen wir uns einen schönen Lebensabend.
So geschah es. Wally Walnuss aber ließ sich nach verbüßter Haft zum Flugbegleiter umschulen, denn ist ein Baum erst einmal entwurzelt, dann steht er nicht mehr stille und geht für den Rest seines Lebens über Los, Los, Los.

Wally Walnuss
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier).