Geschichte

Börsenmärchen

BÖRSENMÄRCHEN

(1) Tokio

Eines Tages kam ein kleiner Japaner an die Börse. Viele Tage war er zu Fuß unterwegs gewesen, und als Wegzehrung hatte er nur einen Laib trocken Brot im Eastpack-Rucksack gehabt. Gerade war das Brot aufgezehrt, da stand er vor dem Tor der großen Börse im großen Tokio. Vor dem großen Tor aber stand ein Wachmann, der war kein Zwerg.

Zu ihm sagte der kleine Japaner: Ich heiße Vinzenz Heinrich Danielsmeier, und ich würde gerne hinein, bitte.

Der Wachmann sah über ihn hinweg und sprach: Ausweis herzeigen.
Vinzenz Heinrich aber besaß nur den Ausweis der Videothek Rappolder, wo er hin und wieder Filme entlieh. Diesen Ausweis zog er aus der Bauchtasche seines Stüssy-Military-Kapuzensweaters, hob ihn in Richtung der Wachmannsaugen und sagte: Hier, bitte, großer Mann, vor der großen Tür, die zu größtem Wohlstand führt – hier, bitte, mein Ausweis.
Der Wachmann senkte den Blick, hob ihn wieder und sprach: Das ist der Ausweis, der Zugang verschafft zur Videothek Rappolder, zu sauberen und zu schmutzigen Filmen. Allein, Zugang zur Börse und zu Reichtümer verschafft dieser Ausweis nimmermehr.
Da wurde Vinzenz Heinrich traurig, ahnte er doch, es würde nichts mit dem Wohlstand. Auf dem Tokioter Krempelmarkt verkaufte er seinen Eastpack-Rucksack. Der war leer wie sein Magen und nützte ihm nicht länger. Auch seinen Stüssy-Sweater verkaufte er. Die Kirschblüte war vorbei und der Sommer gekommen. Das Geld reichte für ein Zugticket des Shinkansen, und so hätte er, das erste Mal und das letzte Mal in seinem Leben, den Fujiyama gesehen, aber, kaum saß er auf seinem Fensterplatz, war er auch schon eingeschlafen. Sehr erholt kam er abends im Dorf an, lange hatte er nicht so gut geschlafen, ging sogleich in die Videothek Rappolder und lieh sich Godzilla jagt Mini-Mädchen – Teil 4.
Es ist dann noch ein sehr schöner Abend geworden.

(2) Sao Paulo

Eines Tages kam ein kleiner Brasilianer an die Börse. Seit Tagen war er den Fluss hinabgepaddelt, und als Wegzehrung hatte er Rügenwalder Teewurst, Fladenbrot von Kamps, Bautzener Senf und Spreewaldgurken in seiner Mega-Duffle-Reisetasche von Jack Wolfskin – die mit der praktischen Fächereinteilung und dem breiten, für Fahrsicherheit sorgenden Rollenpaar.
In Sao Paulo begab er sich schnurstracks zur Börse. Die Börse war hoch, aber nicht so hoch wie die Bäume im heimischen Wald. Vor der großen Doppeltüre standen zwei Schutzleute mit Maschinenpistolen und daneben, in einem Verschlag, hockte ein Hutzelmann und schleckte ein Erdbeer-Cornetto von Langnese.

Ungesäumt trat der kleine Mann an den Glaskasten und klopfte gegen die Scheibe. Das Hutzelmännlein drückte auf einen Knopf, und durch einen Lautsprecher sagte es: Sie wünschen bitte?
Ich, sagte er, bin Baptist Yamamoto und komme aus dem großen Wald. Ich bin der vielen Pflanzen überdrüssig, der Tiere auch, und gern würde ich in die große Börse, um dort mein Glück auszutesten.

Da saugte der Hutzelmann am spitzen Ende seines Erdbeer-Cornetto, denn da troff es heraus, tat sein Göschlein auf und sprach: Das ist leider nicht erlaubt. Ich sitze hier seit 40 Jahren, und dennoch hab ich das Haus nie betreten. Aber, sagte der Hutzel nach einer kurzen Pause, … aber, wenn du meinen Namen errätst, so will ich dir den Platz im Glaskasten überlassen und an deiner statt in die Wälder ziehen.
Baptist Yamamoto kratze sich am Kopf und sprach keck: Wohlan, da schlag ich ein. Dein Name aber ist Jesper Mortensen, und nun lass mich hinein.

Wie der Blitz sprang das Hutzelmännlein auf und überließ ihm den Platz. Baptist schenkte dem Kleinen sein Reisegepäck. Dann setzte er sich, stellte den Bürostuhl auf die eigenen Maße ein, zog Jesper Mortensens Namensschild aus der Halterung an der Scheibe, drehte es um, und mit schwarzem Edding schrieb er auf die Rückseite: Baptist Yamamoto.

(3) New York

Eines Tages kam ein kleiner Mann aus Nebraska an die Börse. Untertage hatte er gearbeitet und unterwegs mit seinem Ford Cougar Motorprobleme gehabt. Wie sich an einer Chevron-Tankstelle herausstellte, hatte ihm der vorige No-name-Tankwart verschnittenen Sprit verkauft. Das war ihm, und das sollte auch ihnen, liebe Leser, eine Lehre sein.

An der Wall Street angekommen begab er sich zur Stock Exchange. Am Eingang zeigte er seinen Führerschein und erklärte, er sei Enrique Luis Figueras dos Santos, komme aus Nebraska und wolle einmal sehen, was sich an der Börse so drehen lasse.
Kurz und knapp beschied ihn ein Schutzmann, die Börse sei seit dem 11. September für alle Besucher geschlossen. Im übrigen würde der Handel heutzutage fast komplett online abgewickelt, das solle er auch einmal versuchen, dazu müsse er Nebraska gar nicht verlassen.

Zufrieden fuhr Enrique Luis Figueras dos Santos in seinem Dodge Charger zurück nach North Platte, und er achtete darauf, nur an Markentankstellen zu halten, außer Exxon, denn die sind als schlechte Sponsoren bekannt. Tatsächlich war die Rückreise einen Tag kürzer als die Anreise, und noch Jahrzehnte später erzählte er von dieser Fahrt, dem Höhepunkt seines langen Lebens.

(4) London

Eines Tages kam eine kleine Engländerin mit der Taxe an die Börse. Dem tag- und nachtaktiven Taxler erklärte sie, sie habe kein Kleingeld, jedoch Stock Options und deren Wert steige, je mehr, je länger er hier vor der Börse auf sie warte.
Der Taxifahrer, der für gewöhnlich die Standzeiten damit verbrachte, die Tabellen in der Financial Times zu studieren, nickte – endlich würde auch ihm das Glück winken –, und er entließ den Fahrgast ohne unmittelbares Entgelt.
Die Frau ging stracks zur Börsentür, zog ihre Smartcard von Morpho durch den Kartenleser. Das Gerät erkannte, ihm gegenüber stand April Rain Sebowsky, geboren am 23. April 1974 in Sterling, Colorado, ledig, weiblich, Raumpflegerin, und ließ sie ein.

Gegen Abend, der Taxifahrer hatte viele Fahrgäste abgewiesen, begab er sich zum Eingang des Gebäudes und verlangte nach der kleinen Frau. Das Lesegerät antwortete nicht, und die Videokameras drehten sich stumm nach ihm um. Fünf Minuten später kam die Polizei und führte ihn ab.

(5) Frankfurt

Eines Tages kam ein Jack Russell Terrier an die Frankfurter Börse. Es tagte eben, und als er vor dem Börsengebäude den Stier sah und den Bären aus Bronze, ging er auf die beiden los und bellte wie nicht gescheit. Der Stier reagierte nicht. Er blieb auf seinem Fundament. Der Bär tat noch weniger. Da versuchte es der Hund mit lauterem Bellen und rannte rund um den Stier und den Bären, einmal, zweimal, dreimal. Auch das verfing nicht. Da gähnte der kleine Hund, ließ sich nichts anmerken, und er zog seiner Wege.

Eine kleine Satue auf einem laternengesäumten Deich vor einem BürogrbäudeFoto: Martin Bartholmy
(eine hochauflösende Version dieses Bildes findet sich hier)