Geschichte

Was die Alten noch konnten, heut ist es fast verschwunden

Kurt F. (Name von der Redaktion geändert) ist seit vielen Jahren Regentonnenwächter oder, wie er es nennt, “Rejschentünnbüttel”. Seine Arbeit besteht darin, sämtliche Regentonnen der Stadt abzufahren und zu prüfen, und dies in der Regel jeden zweiten Tag, bei markanten Niederschlagslagen aber durchaus auch alle paar Stunden.

An einer jeden Tonne, gilt es den Regenpegel zu messen, das gesammelte Wasser auf Kontamination durch Luftschadstoffe, Dachpfannenfett, Regenrinnenrott oder Schabernack zu prüfen und, vor einem drohenden Überfluss, die Um- und Ableitungsklappe am Fallrohr zu schließen. Zur Routine wird eine solche Arbeit nie, und ist nur möglich dank langjähriger Erfahrung, unterscheiden sich die Auffangbehälter und Zuleitungssysteme doch von Fall zu Fall erheblich, von den Eigenheiten jeweiliger Wolkensysteme und Windlagen ganz zu schweigen.

Auf seinem täglichen “Tonnenstrich”, so der Fachausdruck für die vom Wächter zurückzulegende Strecke, summieren sich die Tonnenkilometer schnell, und lange schon hat man ihm hierfür ein Dienstrad zur Verfügung gestellt, welches man, der besonderen Einsatzbedingungen wegen, mit einem Regendach und einer Standheizung versah. Auch gibt es an jeder Seite des Rads eine in Handarbeit speziell auf F.s Bedürfnisse zugeschnittene Halterung, in welcher er die beiden wichtigsten Arbeitsgeräte eines Regentonnenwächters verwahrt, nämlich linker Hand die Sprudelmessleere und rechter Hand den Bindfadenzähler. Die Handhabung dieser beiden Geräte zu erlernen braucht es, so F., Jahre, doch lohne sich der Aufwand, denn die so gesammelten Messergebnisse überträfen nach wie vor jene der modernen Computersimulations-Handheld-Terminals, durch welche man die alten mechanischen Apparaturen seit Jahren zu ersetzen versuche.

Ihm, so sagt uns Kurt F., macht der Job Spaß, bringt ihn unter Leute, und er hält ihn gesund, muss er doch täglich viele Runden auf seinem Rad drehen, um alle regenfallrelevanten Sammelbehälter kenntnisgerecht in Augenschein zu nehmen. Nur im Winter ist die Tätigkeit weniger erfreulich, bildet sich um die Tonnen doch schnell tückisches Glatteis und ist manche Inspektion nur nach kraftraubendem Einsatz des Eispickels und des Schneebesens möglich. Aber, so wollen wir sein raues Idiom übersetzen, ihm ‘macht es Spaß, und ist immer etwas am Laufen, und in drei Jahren dann Rente und den Mist nie wiedersehen.’

Gewächsthaus mit Regentonne auf Garagendach

Manche Regentonnen sind schwer zu erreichen.
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier.)