Verschwörer schweigen. Sie sind Praktiker. Umso mehr reden Verschwörungstheoretiker. Heute geht es dabei selten um obskure Geheimbünde. Die Angstphantasien mendeln sich aus dem Alltäglichen heraus.
Ein Essay von Martin Bartholmy
(2005/2022)
Anton lächelte, was wie von selbst ging, und fragte: „Gefällt Ihnen der Löffel?“ – „Ich schaue nur, ob er schmutzig ist. Wieviele Menschen den wohl schon im Mund gehabt haben! Ob da Bazillen dran sind?“ – „Kann man etwas erkennen?“ – „Natürlich nicht.“ – „Was man nicht sieht“, sagte Anton, „das gibt es nicht. Haben Sie keine Angst.“ – „Aber ich fürchte mich gerade vor dem Unsichtbaren. Und wenn es keine Bazillen sind, vielleicht gibt es einen Gott, höhere Mächte, die uns beobachten.“
(Johannes Muggenthaler: Liebe und Schulden)
Was sind Chemtrails? Gabriel Stetter beschreibt das Phänomen auf seiner Website so:
„Fünf bis fünfzehn Flugzeuge kreuzen in ländlichem als auch städtischem Gebiet in einer Höhe von gut 6.000 Metern hin und her. Was sich im ersten Moment als Kondensstreifen dieser Flugzeuge ausnimmt, lässt bei längerem Hinsehen jedoch stutzig werden: Diese Kondensstreifen, die in einem regelrechten, riesigen Gittermuster ausgelegt werden, lösen sich auch nach Minuten nicht auf, sondern bleiben regungslos hängen.“
Kondensstreifen am Himmel, auch solche, die sich nicht gleich auflösen, kennt man schon länger. Früher gab es scheints keinen Grund, sich darüber Gedanken zu machen. Seit Ende der 1990er Jahre ist das anders, und es kam die Theorie auf, mit den beobachteten Streifen versuchten die USA das Weltklima zu manipulieren, indem sie gefährliche Chemikalien in die Atmosphäre sprühten. Andere meinen, die USA bereiteten einen Klimakrieg vor oder wollten Chemtrails zur „psychischen Fernbeeinflussung“ einsetzen.
Bundestagsabgeordnete hätten, so Spiegel online am 31. Dezember 2004, bereits Anfragen zu Chemtrails an das Umweltbundesamt gestellt, worauf dieses erklärte, für Chemtrails gebe keine wissenschaftlichen Belege. Die zahlreichen Websites, die eine Chemtrail-Verschwörung behaupten, bestehen denn auch aus allgemeinen Informationen zum Thema Wettermanipulation und mehr noch aus umfangreichen Fotogalerien – die was zeigen? : Kondensstreifen.
Zeichen am Himmel
In vielen alten Kulturen gab es Weissager, die die Zeichen des Himmels deuteten. Aus Wolkenmustern, Himmelsfärbungen, Blitzen, dem Vogelflug versuchten sie, den Willen der Götter abzulesen. Solche religiösen Praktiken, von Christen als Aberglauben bezeichnet, haben mit Verschwörungstheorien wenig gemein. Verschwörungstheorien sind ein modernes Phänomen; sie bildeten sich zu einer Zeit, als die Welt weltlich wurde und technisch.

Verursacht das Wiederkäuen der Kühe Kondensstreifen?
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)
Die Vorstellung, die Welt sei beseelt und ein göttlicher Wille äußere sich in allen Dingen – Donner, Erdbeben, Komet, Vogelflug oder Mückenplage – waren in früheren Zeiten alles andere als abwegig. Das Reich der Inkas oder das Alte Ägypten verfügten zwar über einige technische Errungenschaften, waren gut organisiert und konnten die Grundversorgung durch Ackerbau und Tierzucht meist sicherstellen. Davon aber, die Umwelt, in der sie lebten, zu verstehen, geschweige denn sie zu beherrschen, waren sie weit entfernt, und selbst der eigene Körper, die Körper der anderen waren für sie in Entwicklung wie Verfall, bei Nesselfieber wie Herzrasen ein Rätsel – und das, obgleich sie viele Körper mumifizierten und zerstückelten. Eine Umwelt, eine Natur, die weitgehend unbegreiflich, weil unbeherrschbar ist, da ihre Abläufe jenseits der Begriffsmöglichkeiten liegen, eine solches Gefüge muss uns notwendig andersweltlich, ja göttlich erscheinen. Hat man keine Medizin, um eine Seuche zu heilen, keine Pestizide, um einen Ernteausfall zu verhindern, wird man Schäden als Strafe höherer Kräfte interpretieren – und versuchen, diese durch Opfer oder Beschwörungen zu beschwichtigen. Tut mans nicht, wird man am wirren Leben, an einer Welt ohne Sinn irre (oder von anderen den Göttern geopfert).
Erst als wir weitergehende technische Möglichkeiten entwickelten, konnten wir uns vom Diktat der Natur mehr und mehr befreien. In dem Maße, in dem wir unsere (soziale wie natürliche) Umwelt begreifen und beeinflussen, werden wir, in Gemeinschaft, zum Maß, an dem wir die Welt messen, und religiöse und abergläubische Vorstellungen schwinden. Humanismus und Aufklärung begannen, eben dies zu formulieren. Der Streit über das Erdbeben, das 1755 Lissabon zerstörte, zeigt, wie weit diese Entwicklung damals schon gediehen war. Während die Kirche die Katastrophe als Strafe Gottes interpretierte (wobei offen blieb, als Strafe wofür), wandten sich Aufklärer wie Voltaire gegen diese Sicht.
Aberglaube und Beziehungswahn
Im Unterschied zu Religion und Aberglauben, ruhen Verschwörungstheorien nicht auf tradierten Vorstellungen. Zwar gibt es Verschwörungstheorien, die historische Verweise in ihre Argumentation einbauen und von Illuminaten, Rosenkreuzern usw. phantasieren. Sieht man sich solche „historischen Belege“ an, stellt man schnell fest, dass es sie nicht gibt; es sind moderne Legenden.
Wichtiger ist ein anderer Unterschied: Verschwörungstheorien zeihen nicht die Götter dunkler Machenschaften, sondern sie erklären – darin ganz modern – vermeintlich Unbegreifliches mit einer Verschwörung von Menschen. Nicht der Zorn Poseidons führt zu Überschwemmungen, nein, schuld sind dunkle Pläne der CIA sowie multinationaler Konzerne mit ihren verrückten Wissenschaftlern.
Der Nyos-See ist ein Vulkansee in Kamerun, in den aus dem Untergrund große Mengen Kohlendioxid einströmen. Das Gas reichert sich im Wasser an, jedoch nur bis zu einem gewissen Grad. Wird die Sättigung überschritten, und kommt dazu ein leichtes Beben oder eine andere Turbulenz, kann sich das Gas plötzlich lösen, und explosionsartig tritt es dann in großen Mengen aus dem See aus. Zuletzt geschah das 1986. Die Folge war verheerend. Kohlendioxid ist schwerer als Luft. Das Gas aus dem Kratersee rollte als unsichtbare Lawine den Berg hinab. In den umliegenden Tälern erstickten über 1.700 Menschen, und auch die meisten Tiere starben. Rasch tauchten Theorien auf, die dieses unbegreifliche Grauen erklären sollten: Die amerikanische Armee, sagte man, habe im Gebiet um den See eine Neutronenbombe getestet – oder ein neuartiges Giftgas.
Wie erklärt man Kontrollverlust?
Als europäische und japanische Forscher vor einigen Jahren die Katastrophe am Nyos-See untersuchten und begannen, eine Anlage aufzubauen, die dafür sorgen soll, dass das Gas in Zukunft nach und nach – und damit, ohne die Anwohner zu gefährden – aus dem See entweicht, hatten sie weniger mit technischen Problemen zu kämpfen, als mit den Verschwörungstheorien. Für die meisten Menschen in der Umgebung stand fest, die Fremden waren Teil der Verschwörung, und erst nach langen Gesprächen war es möglich, die Anlage zu installieren, welche in Zukunft hoffentlich ähnliche Gaseruptionen verhindern wird.
Verschwörungstheorien wie die aus Kamerun werden im Westen meist belächelt. Man schüttelt den Kopf und wundert sich über die Rückständigkeit, die Einfalt der Eingeborenen. Jedoch widerspricht gerade die genannte Verschwörungstheorie der Annahme, es handle sich um ein Relikt traditionellen Aberglaubens, kommt in ihr ja eben keine erzürnte Gottheit vor, kein Naturgeist, der sich rächt. Die Erklärung ist ganz modern: Weiße waren es, Amerikaner, mit Neutronenbombe oder Giftgas. Einfältig ist diese Erklärung nicht, denkt man an die Rätselhaftigkeit der Katastrophe – und denkt man daran, was die Ursache der meisten Probleme eines Landes wie Kamerun ist – nämlich Weiße, Europäer wie Amerikaner –, deren Interessen auf oft undurchsichtigen Wegen das Schicksal des Landes bestimmen : ein Schicksal das die Menschen, die dort leben, selbst kaum beeinflussen können. Solche Zusammenhänge verleihen einer Verschwörungstheorie viel Überzeugungskraft. Dennoch ist sie falsch.
Die meisten Verschwörungstheorien entstehen und verbreiten sich im Westen. Hier ist nicht nur die Säkularisierung am weitesten fortgeschritten, wird die Natur am sichersten beherrscht – Hungersnöte, Naturkatastrophen oder Epidemien gehören nicht zu unserem Alltag –, dafür erleben die westlichen Gesellschaften seit geraumer Zeit einen politischen, sozialen und kulturellen Verfall. – „Wie das?“ Mag man einwenden, „es sieht, wenn auch nicht rosig, doch recht stabil aus.“ Das vielleicht. Fragt man aber nach gemeinsamen Werten und Zielen, ist die Antwort eine Kakophonie. Der Begriff „Gesellschaft“ wird oft ungenau verwendet. Gesellschaft ist nicht eine Zahl von Personen mit gleicher Postleitzahl, gleichem Pass; Gesellschaft bezeichnet eine Gruppe von Einzelnen, die in einem Gemeinwesen leben und die gemeinsame Interessen, Ziele und Wertvorstellungen haben. Davon kann man heute kaum sprechen.
Hat das Soziale eine Halbwertszeit?
Der Zerfall des Sozialen führt zu beträchtlichem Wirrwarr und vagen Ängsten, da die Einzelnen nichts mehr so ganz und das Ganze nicht so recht begreifen. Der individuell erfahrene Kontrollverlust steigert sich in dem Maße, in dem alles Feste sich in Luft auflöst – Arbeit, Ehe, Alter, Jugend, links und rechts – man weiß nicht mehr so genau, was bedeutet das, wofür stehts? Mit diesem Bedeutungsschwund aber schwindet auch die Fähigkeit, Ereignisse und Erlebtes zu interpretieren. Jede Interpretation setzt einen Bezugsrahmen voraus – und der fehlt heute meist. Die Leerstelle im Bedeutungsgefüge übernehmen immer öfter Verschwörungstheorien, die, gerade da sie Kleines mit Großem und alles mit jedem vermengen, sich bestens eignen, einen großen Bedeutungszusammenhang, eine vermeintliche große Erzählung neu herzustellen – „vermeintlich“, denn eine Suspension ist keine Lösung.
Eine Reihe von Verschwörungstheorien ist unmittelbares Zerfallsprodukt des Politischen. Menschen mit einer gewissen linken Prägung, solche, die früher in emanzipativen Projekten arbeiteten, springen sonderlich auf Erklärungen an, die altbekannte politische Versatzstücke kreativ recyceln. Hierher gehören Theorien, die hinter Katastrophen die dunklen Mächte des CIA und FBI sehen, im Zusammenspiel mit dem militärisch-industriellen Komplex, multinationalen Konzernen, Neonazis oder Pressefürsten. Der bekannteste Vertreter dieser Art von Geschichtsklitterung ist Michael Moore, und sein Film Fahrenheit 9/11 ist ein Handbuch der schlichten Theorie, die USA hätten sich gegen den Rest der Welt verschworen und seien die Wurzel allen Übels.
Sagen von Fluten, Walen und Strahlen
Auch der verheerende Tsunami im Indischen Ozean hat rasch solche Interpretationen hervorgebracht. Mathias Bröckers, der durch Bücher mit Verschwörungstheorien über den 11. September bekannt wurde, schrieb am 31. Dezember 2004 in seinem Blog:
„Am 28.November strandeten 169 Wale und Delphine auf der Insel Tasmania südlich der australischen Küste. Am 24. Dezember wurde 500 Meilen südöstlich von Tasmania ein Beben der Stärke 8.1 registriert. Am 26. Dezember löste an der Kante der australischen und indischen tektonischen Platten ein Beben die schreckliche Flutwelle aus. Am 27. Dezember strandeten in Tasmania erneut 20 Wale. Haben diese Ereignisse irgendetwas miteinander zu tun? Das Stranden der Wale, das offiziell als unerklärlich gilt, wird von Experten auf die seismischen Untersuchungen zurückgeführt, die in dieser Meeresregion durchgeführt werden. Dabei werden 24 Stunden lang alle 10 Sekunden Schallwellen in der Stärke von 230 dB auf den Meeresgrund geschickt, die bis 40 km unter die Oberfläche vordringen. Diese Tests dienen dazu, Öl- oder Gasvorräte unter dem Meeresboden zu entdecken. Da Wale über ein sehr sensibles Sonarsystem verfügen, könnten diese Schallwellen für die Desorientierung verantwortlich sein. Aber auch für ein Erdbeben? Ich bin da überhaupt kein Fachmann, aber die Information scheint mir dennoch nicht uninteressant…“
Sind also die Ölmultis am Walsterben und am Tsunami schuld? Professor Michel Chossudovsky von der Ottawa University behauptet, das US-Militär habe die Tsunamiwarnung frühzeitig erhalten, sie jedoch absichtlich nicht an die gefährdeten Länder weitergeleitet. Und warum nicht? Chossudovsky stellt via einen General Blackman, der die Hilfseinsätze leitete, eine Verbindung zum Irakkrieg her, denn auch dort war Blackman im Einsatz – und dass Militärs an so unterschiedlichen Standorten stationiert werden, kann kein Zufall sein, oder? Chossudovskys Fazit: Die Warnung wurden deshalb nicht weitergeleitet, damit man im Rahmen der Hilfsaktionen US-Militär in die betroffenen Länder verlegen konnte. Offen bleibt, welches Interesse die USA daran haben, Truppen nach Thailand und Sri Lanka zu schicken (Indonesien kann nicht Teil des behaupteten Kalküls gewesen sein, da hier die Zeit für eine Warnung in jedem Fall zu kurz war).
Bald nach der Tsunami-Katastrophe tauchte eine zweite, anders gelagerte Verschwörungstheorie auf. Es war zu hören, Netzwerke von Pädophilen und Menschenhändlern seien dabei, das Durcheinander in den betroffenen Ländern auszunutzen, um Waisenkinder zu verschleppen. Belege dafür gab es keine. Dennoch behauptete Birgithe Lund-Henriksen, die Direktorin des indonesischen UNICEF-Kinderschutzprogrammes: „Ich bin mir sicher, das passiert. Es ist einfach die ideale Gelegenheit für diese Leute.“
Besonders verdächtig ist, wenn man nichts Genaues weiß
Hier haben wir es mit einer Verschwörungstheorie zu tun, die um einiges massenwirksamer ist, als solche von Ölkonzernen, die Tsunamis auslösen. Seit der Dutroux-Affäre in Belgien haben auch in Europa Theorien viel Widerhall gefunden, denen zufolge, zum einen, beim Kindesmissbrauch die Dunkelziffern die bekannten Fälle um das hundert-, ja tausendfache übersteigen, und, zum anderen, die Dunkelmänner, die sich hinter jenen Dunkelziffern verbergen, in Netzwerken von Kinderpornografen und Satanisten organisiert sind – und zwar in Netzwerken, die drittens, Verbindungen bis in die höchsten Kreise haben, weshalb es ihnen auch gelänge, ihr Tun so verblüffend gut zu vertuschen (in den USA und Großbritannien waren solche Theorien schon seit den 1980er Jahren weit verbreitet).
Es handelt sich hier um Angstphantasien, die ohne Belege auskommen – beziehungsweise, denen gerade der Mangel an Belegen als Beleg für ihre Richtigkeit dient (‚ … wäre es bekannt, könnte es nicht passieren – und so etwas unter den Teppich kehren, das können nur die ganz Mächtigen!‘).
In Deutschland am populärsten sind Verschwörungstheorien, die mit Umwelt und Gesundheit zu tun haben. Die Chemtrails wurden anfangs erwähnt. Es handelt sich dabei um eine eher exotische Theorie, die die meisten wohl belächeln – wenn vielleicht auch mit dem Nachgedanken ‚ … obwohl, wer weiß?‘
Der Kosmos zwischen Mikro und Makro
Anders sieht es aus, geht es um Handystrahlung (Elektrosmog) oder Gentechnik. In beiden Fällen lässt sich ein merkwürdiger Zwiespalt beobachten: Fast alle benutzen Handys, und die meisten Deutschen haben gegen Gentechnik wenig einzuwenden – so lange es um Medizin und neue Heilverfahren geht. Dinge, die einem aus eigener Erfahrung vertraut sind sowie Anwendungen die nützen und hoffen lassen, eignen sich schlecht zum Stoff für Verschwörungstheorien. Dennoch zeigen Umfragen, die Mehrheit der Deutschen fürchtet Handystrahlung – zumindest irgendwie (das Wort „Strahlung“ dürfte damit zu tun haben), und ähnlich sieht es mit Gentechnik in der Landwirtschaft aus, wo diffuse Phantasien über Menschenzucht und Killerpflanzen den Ausschlag zu geben scheinen. Da man Gene und Strahlung nicht sehen kann, sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt.
Doch handelt es sich hier überhaupt um Verschwörungstheorien? Wenn man Verschwörungstheorien als die Machenschaften von Geheimbünden und -diensten definiert, dann nicht. Aber sehen wir uns folgende Erklärung an:
„Ratten-Gene im Salat, Motten-Gene im Apfel, Kuh-Gene in der Soja-Bohne? Das sind keine Horror-Fantasien skeptischer Gentechnik-Gegner, sondern tatsächliche Produkte aus dem Gen-Labor. (…) Die Gentechnik-Industrie erhofft sich große Profite. Sie will mit den Gen-Pflanzen die Herstellung unserer Nahrungsmittel kontrollieren. Vom Saatgut bis zum fertigen Produkt im Supermarkt, vom Acker bis auf unseren Teller. Schon heute wird die Landwirtschaft von einigen wenigen großen Agrar-Konzernen beherrscht: Bayer/Aventis, Monsanto, Syngenta und DuPont.“ (greenpeace.de)
Große Agrar-Konzerne gibt es, Geheimdienste auch – das wird niemand bestreiten. Dennoch hat das Greenpeace-Zitat, das für Verschwörungstheorien in Sachen Gentechnik ziemlich typisch ist, nichts mit Aufklärung zu tun, denn hier suggerieren falsche Bilder eine Angstphantasie („Ratten-Gene im Salat“), und diese wird nahtlos verbunden mit dunklen Weltbeherrschungsplänen undurchsichtiger Multis.
Es ist ein beliebtes Spiel – eine Spielart von Ich sehe was, was du nicht siehst: Verschwörungstheorien – das haben die anderen, die geistig und materiell Minderbemittelten, die Leute, die BILD lesen, die religiösen Fanatiker in der Dritten Welt. Doch es ist nicht in erster Linie die „dumpfe Masse“, die Verschwörungstheorien produziert, noch sind solche Theorien Folklore oder aufgepimpter Aberglaube. Verschwörungstheorien entstehen – das zeigen die Beispiele Kindesmissbrauch, Elektrosmog und Gentechnik – in den besten Kreisen. Verschwörungstheorien sind die Leitartikel unserer Zeit.
Dieser Essay wurde zuerst 2005 pseudonym abgedruckt. Für die Wiederveröffentlichung wurde der Text überarbeitet.
