Geschichte

Sankt Gall

Rot. Rot. Rot. Und kein Grün. Außer für Autos.

Schnorrigel sieht auf die Straße. Er sieht zur Seite, sieht den Knopf und drückt. Der Knopf sagt: Wait.

Er drückt in rascher Folge einmal – zweimal, dreimal, viermal. Der Knopf sagt: Wa-W-W-Wait.

Wieder geht die Hand zum Knopf, aber nun piept es und ist grün, beziehungsweise weiß: Sieben, sechs, fünf, vier, drei und zwei – knapp vor Ende des Countdowns erreicht er die andere Seite der Straße und betritt das Lokal.

Viel los ist nicht. Er setzt sich an die Theke, sieht auf die Tafel mit den specials: Kolsch, Hefeweissen, Gose, IPA. Er schüttelt den Kopf. Er bestellt ein Lager, Dortmund style.

Sie sind Engländer? sagt eine Stimme zur Linken. Er hebt den Kopf. Ein sehr dünner Mann, Mitte 40, Mitte 50? – schwer zu sagen : ergrauter Schnauzbart, aber verblüffend schwarzer Pilzkopf. Er wedelt die Hand – an Fingern und Handgelenk glitzert es – wedelt die ausgestreckte Hand in Schnorrigels Richtung und sagt: Aus England sind sie, richtig? Aus Britannien.

Schnorrigel sieht an sich hinab, sieht auf der Brust den Lorbeerkranz. Er fächelt mit der Hand. Er sagt: Nein, nein. Deutscher. Aus Braunschweig (er sagt Brunswick).

Bruunswieg, sagt der andere, na dasja man koumisch. Und er streckt die Hand aus, ergreift Schnorrigels Hand, schüttelt, drückt sie fest und sagt: Claus – Claus Claustinsen, Hamburg. Aber nu schon eine ganze Weile hier.

Schnorrigel erwidert den festen Druck und sagt: Angenehm. Schnorrigel, Dr. Paul Schnorrigel.

Chirurg? Herzspezialist? Lassen sie mich raten …

Nun ist es an Schnorrigel mit der Hand zu wedeln, wobei ihm die teuer aussehende Uhr aus der Manschette schlüpft. Er schiebt sie zurück, sagt: Nein, nein, zuviel der Ehre. Ein einfacher Doktor der Geometrie sei er, genauer, der Trigonometrie. – Trinity College. Und wie Claustinsen den Mund aufmacht, ihn zu unterbrechen, schiebt er nach: Nein, nein, nicht das hiesige. Das bekanntere – in Dublin (er sagt Dobblin).

Wie – sie Ire?

Also erzählt er: Die Vorfahren aus Irland, alter Adel, Häuptlinge, Kriegshelden, Verlierer – das übliche irische Schicksal, und dann als gute Katholiken geflohen ins Münsterland. Dort im Dienste des Fürstbischofs – und hastunich gesehen wurde der runde O’Snorriggle ein platter Schnorrigel, wobei sie immer noch beide Namen pflegten – alte Tradition ist Pflegefall, haha –, und in seinem Pass sei neben dem Schnorrigel, Paul, Dr. trig. auch ein Paulus O’Snorrigle, D. trig. verzeichnet.

Fantastisch, ruft Claustinsen. Er zeigt dem Zapfer zwei Finger, weist auf sein Gegenüber, auf sich, sagt: the same, und nahtlos: Trigonometrie, das habe doch, soweit er es als Laie, als blutiger Laie verstehe, mit Gestalten, mit Formen im Raum zu tun … und … und der Deutsche an sich, der Ire an sich lebe ja jeweils in Kulturkreisen, welche sich zueinander konzentrisch und kommunizierend verhielten – gewissermaßen – sei es, was das Keltische, Kultische angehe, die Urfehde mit dem perfiden Albion oder auch die Braukunst. Gewisse Kreise aber, zumal konzentrische, die sich verhakten und sodann synchron bewegten, seien was?

?

Ein Maschinchen! Oder auch eine Riesenmaschine. Alles ein Frage der, Dings, – der Skalierung … aber was erzähle ich ihnen : schließlich sind sie der Mann vom Fach. Weshalb er ihm auch einen Vorschlag unterbreiten …

Claustinsen verstummt, fasst sich an den Hals. Aus dem Nichts schüttelt ihn ein Husten. Er greift sein Glas, leert es auf einen Zug. Dann lehnt er wieder, als sei nichts gewesen, am Tresen.

Also, sagt er, was ich meine, auf dem hiesigen Fluss, das sei Schnorrigel sicher aufgefallen, auf dem Fluss herrsche was? – Große Leere. Früher seien dort Raddampfer auf- und abgefahren, rudelweise, und … aber er wolle ihn nicht langweilen, deshalb ein Witz: Was sei ein Raddampfer mit Rad ab? – ? – Ein Dampfer, haha, aber das Dampfen sei heutzutage schwer verpönt und deshalb müsse man einen anderen, einen innovativen Ansatz finden – à la Dampf ab …

Schnorrigel sieht sich um, greift sich an die Brust. Zu Claustinsen sagt er, sorry, aber er müsse mal kurz vor die Tür, eine schmöken.

Was Claustinsen keine Spur verdrießt, denn, sagt er, das treffe sich gut, müsse er doch seinerseits auf einen Sprung Richtung Strullstube, und da könne er ihn gleich zur Terrasse weisen, dort sei das Rauchen nämlich total gestattet, und außerdem werde man nicht angeschnorrt – ein nicht zu verachtender Vorteil, in dieser Stadt voll Nassauer, aber wem sage ich das.

Er zeigt ihm die Tür, drückt ihm eine Broschüre in die Hand und sagt: Machen sie sich selbst ein Bild von meinen dampflosen Dampfern, weil, ich sage immer, zu seinem Glück soll man keinen zwingen : Zwang ist Bumerang.

Das Bild eines fliegenden Fisches, der, aufrecht auf dem Schwanz stehend, einen Segway fährt. Darunter: Das Rad neu erfinden? Nein! Wir bauen das Schiff 4.0 – den rauchlosen Rad„dampfer“. Per Rad unterwegs auf Wasser und Land! Ihre Investition in die Zukunft der Mobiltät! Rendite von mind. 8,5% garantiert.

Schnorrigel zündet sich eine Zigarette an, schaut, sieht, ihm fehlt der Aschenbecher. Auch die anderen Tische sind aschenbecherlos, nur zu seiner Rechten, vor dem einzigen anderen Gast hier draußen, stehen gestapelt gleich zwei. Er beugt sich vor und fragt: Darf ich? und sieht, unter der breiten Krempe des Cowboyhuts hat der andere eine dieser Elektrozigaretten. Der Herr nickt, zeigt auf sein Rauchgerät, steht auf, reicht Schnorrigel die beiden Aschenbecher und lüpft zum Gruß ganz leicht den Hut.

Schnorrigel nickt, ascht und bedankt sich, worauf der andere sich erkundigt, ob er Deutscher sei – und das auf deutsch, wenn auch mit deutlichem Akzent.

Einige Rauchwölkchen und ein Bierchen später ist man bereits per du, beziehungsweise, eigentlich war mans von Anfang an; der Amerikaner hat es nicht so mit dem Siezen. Der Hutträger heißt Zimmermann, und deutsch spricht er, da seine Familie von dort stamme: Die Großeltern ein Kaufhaus in Chemnitz – dann wegarisiert, und ihn als den Enkel habe man entschädigt, aber erst, nachdem die Stadt zweimal den Namen gewechselt hatte. Seither, sagt Zimmermann, lebe er sorglos und sei, wie sagt man das? : bicoastal.

Bisexuell?

Nein, nein. Das sei … und er erklärts.

Schnorrigel sagt: Achso. – Ja. Das wäre wie wenn einer ein Haus hat auf Sylt und ein Haus hat auf Hiddensee. Aber ein Wort – ein Wort dafür kennt das Deutsche nicht. Außer vielleicht man sage: reich.

Rich! Das gefällt dem Zimmermann. Aber, sagt er, und tippt auf die Fischbroschüre, die vor Schnorrigel liegt, mit so etwas wird man nicht reich. Mit Hardware, erklärt er, habe man früher viel Geld verdient, Eisenbahnbarone und Autofürsten, aber heute … wo gebe es heute noch einen hardware store? Oder wie es der zeitweilige Patron von Chemnitz formuliert habe: all that is solid melts into air, beziehungsweise – er tippt in sein Handy, liest ab: Alles Ständische und Stehende verdampft … nun ja, die Übersetzung sei nicht so catchy.

Da! ruft Schnorrigel und zeigt mit dem Finger: eine Sternschnuppe. Schnell!

Zimmermann summt. Zimmermann sagt: Die Perseiden sind es nicht, und wenn es nicht die Perseiden seien, dann werden es die Raucher sein, dort oben auf der Dachterrasse. Zimmermann summt. Schnorrigel kennt die Melodie, kommt aber nicht drauf, zieht ein fragendes Gesicht, und Zimmermann rezitiert:

Wünsch dir was von einer Schnuppe,
wer du bist das ist ganz schnuppe,
alles was dein Herz begehrt wird wahr.

Es piept. Zimmermann schaut aufs Display, nickt, dann hält ers Schnorrigel hin, und der liest: Für die Wiedergabe eines Auszugs von When You Wish Upon a Star fallen Nutzungsgebühren an von 5,3 Cent, zu zahlen an die Walt Disney Corporation.

Zimmermann drückt den grünen Knopf. Sagt: Bezahlt. Sagt: Nun verstehe er vielleicht? Er sagt: Nicht umsonst heißt das royalties – wie sagt man?

Tantiemen.

Genau: royalties – Adel lebt von alten Rechten. Heute von Urheberrechten, aber von denen lebts sich besonders gut – ich muss es wissen … und ich sage dir: Ich weiß es.

Schnorrigel will etwas fragen, aber da schnuppt schon wieder ein Sternchen, dieses Mal knapp vor seiner Nase. Ein Glühwürmchen, sagt Zimmermann, es sei wieder jene Zeit des Jahres, und Gleich und Gleich geselle sich gern, nur manchmal werde Anderes für Gleiches gehalten, in diesem Fall die Glut an deiner Zigarette, und dies ohne dass man sagen könne, wer dabei der Getäuschte, wer der Täuschende sei, Glühwürmchen oder Glut.

Licht flackert. Hinter der Scheibe, im Lokal schwingt eine Deckenlampe, Gepolter, Geschrei, und wie sie beide synchron ihre Stühle drehen, fliegt die Tür auf und fliegt ein Bündel heraus, kugelt über die Terrasse, wirft einen Tisch um, drei Stühle, kommt zum Stillstand, entigelt sich, richtet sich auf – das ist doch der … Dings, denkt Schnorrigel. Der Mann steht auf, kugelt mit den Schultern, reckt sich, fasst sich an den Kiefer, klopft sich ab, bemerkt sie, verbeugt sich und sagt: Angenehm, angenehm, Claustinsen – Claus Claustinsen. Sie erlauben?

Er setzt sich zu ihnen, mustert sie, fasst in seine Jacke, zieht ein Kästchen hervor, legt es behutsam auf den Tisch, mustert sie noch einmal, nickt und sagt: Ich sehe, die beiden Herren rauchen. Drauf wischt er mit der Rechten einen nichtvorhandenen Qualm zur Seite und sagt: Keine Sorge. Ich bin ein Meister der Toleranz. Ich habe nichts auszusetzen. Aber haben die Herren … und er öffnet das Kästchen … haben die Herren schon einmal Folgendes bedacht?

Er zieht ein helles Röllchen aus dem Kasten. Das Original, sagt er, zwei Komponenten:  Tabak und Papier. – Schlicht. Und bald habe mans verbessert. Er zieht ein zweites Röhrchen hervor. So sei es bekömmlicher und gesünder – voilà, die Filterzigarette. Dies aber sei nicht das Ende, und exklusiv präsentiere er ihnen das neueste und gesündeste Modell. Einige exklusive Vertreterverträge seien noch zu haben… Es handele sich – und er zieht eine drittes Röhrchen – es handele sich, ta-ta, um den tabaklosen Vollfilter.

Claustinsen steht auf, steckt sich das Röhrchen in den Mund, zückt eine Streichholzschachtel, macht beidarmig mit Hölzchen und Schachtel eine Kreisbewegung, wobei es ihm irgendwie gelingt, erst das Hölzchen und dann seine Erfindung in Brand zu setzen, und es gelingt ihm so gut, sein Kopf wird sogleich von dunklem Qualm verschluckt.

Die Tür knallt auf, ein Schwall Wasser fliegt Claustinsen ins Gesicht, gefolgt von einer spanischen Tirade, die sich aus dem breiten Mund einer stämmigen Frau ergießt. Sie packt Claustinsen an der Schulter, bellt ihn noch einmal an, dreht ihm den Arm auf den Rücken und schiebt ihn ins Lokal und fort.

Zimmermann und Schnorrigel genehmigen sich noch ein Bier, schweigen, und in der stillen Nacht folgen ihre Augen den fallweisen Sternschnuppen und Wurmschnuppen.

Dann kommt eine Kellnerin und beginnt aufzustuhlen. Wie sie das Lokal verlassen, huschen von neben der Tür zwei Gestalten davon. Zimmermann leuchtet mit seinem Handy: Neben der Tür ist ein großes grünspaniges Schild, eine Ecke verbogen, die Patina zerkratzt. Buntmetalldiebe, sagt Zimmermann. Er zeigt auf die Inschrift. Schnorrigel liest: Brown, Thomson & Company. New York – Manchester – Paris – Chemnitz – St. Gall.

Das Kaufhausgeld, sagt Zimmermann, habe er reinvestiert. Die Banken jedenfalls bekämen es nicht – alles Betrüger. Und da der Einzelhandel nichts mehr abwerfe, die Produktion noch weniger, habe er Rechte gekauft, zwar nicht eben am Katalog der Beatles – da seien die Investitionen spekulativ sehr hoch, die Refinanzierung entsprechend mau –, sondern vielmehr im sogenannten non-star sector … beispielsweise Sprecher in Radio und Fernsehen, all die Off-Stimmen, zu denen man nie ein Gesicht sehe, das heißt, auch jene Stimmen, die wir aus Jingles kennen, von Hörbüchern und Bekanntmachungen – Stimmen, denen man traut weil sie so heimelig sind, wie ein Winterabend am offenen Kamin.

… und, sagt Schnorrigel, sie kaufen die Rechte an solchen Aufnahmen?

Nicht an den Aufnahmen. Er kaufe die Rechte an den Stimmen – und das über den Tod hinaus. Hat man genug abgespeichert, lasse sich die Stimme beliebig wiederverwenden und …

Sie sind an einer Kreuzung. Schnorrigel zeigt nach links. Dann, sagt Zimmermann, trennen sich hier unsere Wege. Er zeigt geradeaus. Hat mich gefreut: Bob. – Paul. Zimmermann drückt den Ampelknopf. Er drückt ihn einmal – zweimal, dreimal, viermal. Der Knopf sagt: Wa-W-W-Wait.

Auch diese Stimme, sagt er, gehört mir, und bei jedem Knopfdruck klingelts in der Kasse. – Die Ampel wird grün und er geht.

An der nächsten Kreuzung tritt Schnorrigel an den Bordstein. Er dreht die Füße, so dass die Spitzen seiner schwarzen Schuhe sich dreimal berühren. Eine dunkle Limousine steht vor ihm. Lautlos öffnet sich der Schlag. Schnorrigel verschwindet darin. Ebenso lautlos schließt sich die Tür, und hinter den getönten Scheiben ist er jetzt schon gar nicht mehr zu sehen.

Brown, Thomson & Company, Ladenschild

Foto: Martin Bartholmy (hochauflösende Version hier)