Geschichte

Die Zaspe

Das Heck eines grünen Autos, geparkt vor einer Wand mit Fenstern und GraffitisDiese Erzählung ist zuerst erschienen in faulheit & arbeit, der Wochenendbeilage Nr. 123 der jW für den 30. Mai – 1. Juni 2026

Sie bewegte sich behutsam. Selbst kleine Geräusche verursachten einen unangenehmen Hall. Sie kippte ein Fenster. Die Luft war staubig und trocken. Draußen, vor dem Haus, die Entrümpler : zwei stauten die Ladung, die anderen beiden rauchten. Die Wohnung jetzt leer. Eine Bürde, aber sie fühlte nicht, dass etwas von ihr abfiel. Sie ging durch die zweieinhalb Zimmer, schaute ins Bad – gut, Toilettenpapier war noch da.

Sie ging in die Küche. Dort hatte man ihr zwei Stühle gelassen. Sie rückte die beiden weg vom Herd, drehte die Lehne des einen zum Fenster, stellte den anderen, auf ihm saß ein großer, leerer Karton, diesem gegenüber, und schob die sechs Stapel Papier, sie bedeckten Arbeitsplatte und Herddeckel, schob die sechs ähnlich hohen Stapel aus Dokumenten, Broschüren, Heften und losen Blättern ein wenig auseinander. Sie setzte sich. Sie sah den ersten Stapel an, atmete tief, griff beherzt zu und setzte ihn sich auf die Oberschenkel. Der Inhalt von Schreibtisch und Aktenschrank ihres Bruders. Musste sie das wirklich durchsehn? Konnte sies nicht einfach entsorgen? Bestimmt war es belanglos und gab es nur unschöne und keine schönen Entdeckungen, gewisse Bilder, Magazine, Bestellungen, von denen wollte man nicht wissen. – Also vielleicht einfach alles weg und gut? Wie oft hatten sie sich gesehn, sie und ihr Bruder, in den vergangenen fünfzehn Jahren, seit sie zuhause ausgezogen war? Ein- zweimal im Jahr, und dabei waren es kaum hundert Kilometer, die sie getrennt hatten. Als Kinder, Jugendliche waren sie passabel miteinander ausgekommen. Das übliche. Aber danach war diese Zeit vorbei gewesen, und in der anderen, der Erwachsenenzeit hatte sich irgendwie kein Grund mehr gefunden. Kein Drama, einfach kein Grund. Und da sie bereits weg gewesen war, war der Bruder nahe der Mutter geblieben. Es war einfacher zu bleiben als um- und zurückzukehren. Sie hebt den Stapel von ihren Schenkeln und lässt ihn langsam ab in den Pappkarton. Sie blickt auf die anderen Stapel. Sie könnte sie kartonweise zur Tonne tragen, dort ausleeren und retour. Schnell wäre das erledigt, und sie könnte endlich weg von hier. Es gibt so viel anderes, um das sie sich kümmern muss – Abos, Ämter, Banken, Bestatter. Sie will den zweiten Stapel in den Karton geben, da klingelt es – der Hall, man meint, das Weltgebäude stürze ein. Sie schaut : die Mutter. Sie drückt, sie flüstert: Ja, hallo? … Ja, die ist leer, gerade eben sind sie fort. – Ich flüstre, weil hier hallt alles, ja, Wände, Decken, Boden, dass man sich fürchtet, deshalb … Ja? Vorbeikommen? Nein, nein, das musst du nicht. … Ein was? Ein oder mehrere Alben? OK. Und was? – Von Vaters Eisenbahn die Broschüren, Pläne? … Gutgut. Ich sitze eben dran. … Ja, gut, bis später, tschö.

Die Modelleisenbahn, ihres Vaters Stolz, hatten sie aus des Bruders Wohnung abtransportiert, gleich zu Beginn. Jetzt stand sie bei der Mutter im Keller, viele Kartons, Kisten, auf dass ein Enkel, als ob es je einen geben würde, sie einmal haben könnte. – Und aber was für Alben? Egal. Hauptsache, die Mutter blieb weg, Hauptsache etwas findet sich. Sie nimmt den Stapel aus dem Karton setzt sich und setzt ihn sich auf die Oberschenkel. Und also los.

Bedienungsanleitungen: Kaffeemaschine, Waschmaschine, Bohrmaschine (weg); Dokumente: Bausparvertrag, Mietvertrag, Arbeitsvertrag (fürs Erste aufbewahren); Schreiben: Mahnbrief, Gesellenbrief, Drohbrief (weg). Dazwischen Gutscheine, Broschüren aller Art, das ein oder andere Sonderheft und Ausdrucke, Ausdrucke, viele Seiten per Nadeldrucker und so verblasst, kaum ließ sich etwas lesen. Die erste Ladung geht zur Recyclingtonne.

Im zweiten Stapel wird sie fündig: Ein Order, auf dem Deckel klebt das Bild einer Lok, der einzigen Lok, die sie beim Namen kennt: Märklin Krokodil – so wie ihr Vater eine hatte (anfassen verboten), und in dem Ordner Anleitungen, Schaltpläne für die Eisenbahn. Der Rest des zweiten Stapels geht, Ladung Nummer zwo, zur Recyclingtonne.

Das Heck eines grünen Autos, geparkt vor einer Wand mit Fenstern und Graffitis

 

 

 

 

 

 

 

 

(Foto: Martin Bartholmy. Eine größere Version dieses Fotos gibt es hier.)

Stapel drei und vier bestehn aus Zeitschriften und Heften. Warum wurde das aufbewahrt? : Die schönsten Schmetterlinge von fünf KontinentenModellautos als Geldanlage101 Alben, die man hören muss, bevor man stirbt. Dazwischen Comicheftchen, krudes Zeug, die meisten in Plastikfolie, ungelesen. Kann weg. Dann, Urlaub Kärnten, ein selbstgedrucktes Schildchen, im Hefter, Seite auf Seite, Fotos, Post-, Bahnfahr- und Eintrittskarten – schau da, die Mutter und der Bruder, wusste sie gar nicht, dass die in Österreich gewesen waren. Das bleibt, der Rest geht, Karton drei und vier, fix ins Recycling.

Stapel fünf: Sammelbilder in Umschlägen und Sammelbilder in Sammelbilderalben: Autos, Superhelden, Flugzeugträger und irgendwas Japanisches, weg, weg und wegweg; mehrere Kuverts mit Postkarten und mit Poesiealbumbildchen, sah alles aus, wie vom Flohmarkt, das konnte weg. Dann ein mädchenhaftes Album, Einband hellblau, gepolstert und mit Glitzerstickern von Delfinen, Äffchen, und darin … ein, zwei, drei leere Seiten, eben will sies weglegen, da klappt das Album auf, da ist etwas. Sie blättert vor, zurück. Nicht viel. Es sind drei Ausrisse aus Zeitungen, nein, drei Ausrisse, wohl eher aus einem Buch … doch, wie sies näher anschaut, Layout, Schrifttypen … nein, die drei Ausrisse mussten aus verschiednen Büchern stammen, aus Nachschlagewerken, so sahs aus. Aber warum hatte ihr Bruder das aus Büchern herausgerissen, aus Lexika, das gehörte sich nicht, Bücher zerreißen, und obendrein unsauber herausgerissen, wieso? Eine Schere, wird er doch wohl besessen haben.

Sie lehnt sich zurück. Zu Beginn, eingerissen, ausgefasert ein Fetzen des Vorhergehenden:

und gesammelt im Großen und Ganzen. Häufig anzutreffen sind Sonderarten desweiteren bei Textilien, Rauchwaren, Aquarienfischen und Brot.

Der Sonderasphalt ist ein aus dem Straßenbau herkommendes, vergussfähiges, sehr belastbares Oberflächenmaterial, welches ursprünglich für Verkehrswege mit Sondernutzung entwickelt wurde, das heißt, für die Befahrung von Straßen und anderen Verkehrsflächen mit Fahrzeugen, deren, vor allem, Gewicht, oder deren die Antriebskraft auf den Fahrgrund übertragenden Bauteile, nicht dem entsprechen, was die Allg. Straßenverkehrsordnung vorsieht. Für diese konkrete Anwendung wurde der Sonderasphalt zu Beginn der 1950er Jahre entwickelt, von einer Firma in Franken, konnte sich jedoch, aus verschiedenen Gründen, auf die hier einzugehen, zu weit führte, nicht durchsetzen und wurde sodann Mitte der 1960er Jahre entdeckt als ideale Oberfläche für Straßenrennrodelstrecken. Für diesen Zweck wird der Sonderasphalt seither weltweit und fast ausschließlich eingesetzt.

Eine Sonderausstattung bezeichnet in der Regel die Ausstattung eines Kraftfahrzeugs, einer Wohnung, Schiffskabine oder eines Fauteuils, bei der gewisse Merkmale der Ausstattung hinausgehen

Soweit der erste Ausriss. – Wie sauber das, trotz der Kanten aussah, fällt ihr auf. Nichts angestrichen, nichts notiert, keine Klebstoffflecke, keine Knicke. War das von ihm? Von wem sonst? Aber warum hatte er das mitten in das Buch geklebt, nicht an den Anfang? – Auf der nächsten Seite liest sie:

doch von ganz wenigen Ausnahmen, v.a. in Dithmarschen und Angeln, abgesehen ist das Gewerbe der Kuhlengräber ausgestorben und wird es in Menschengedenken ganz verschwunden sein.

Der Kuhlenkobel ist, im Unterschied zum Kobel beispielsweise des Eichkaters, eine Nist- und Behausungsform, die sich nicht zum Zwecke der Brutpflege herausgebildet hat, vielmehr ist sie, im weiteren Sinn, als ein analoges Kulturfolgephänomen anzusprechen. Beim Kuhlenkobel, im Volksmund gemeinhin Korbhaus genannt, handelt es sich um eine Sonderform des Winzhauses, die wohl entstand – hier alle Einzelheiten aufzuklären ist ein Desiderat an die Forschung –, als sich durch gesamtwirtschaftliche Verschiebungen, eine immer größere Anzahl von Menschen in riesigen Lagerhallen, ja in Lagerstädten aufhalten musste, um dort Produkte in und auf Hoch- und Höchstregalen abzulegen, beziehungsweise von dort herunter- und abzuholen. Da das Ausmaß dieser Lager immer mehr zunahm, war es, nachdem man eine gewisse Größenordnung überschritten hatte, nicht mehr möglich, zwischen Wohnstätte und Arbeitsplatz zu pendeln, und also wurde die Wohnstatt, anfangs informell, an den Arbeitsplatz verlegt. Hierzu boten sich die zahlreichen teleskop-, scheren- und hubarbeitsbühnenartigen vertikalen Hebezeuge an, mit denen die Regale bedient und die, bedingt durch die Dynamik der technischen Entwicklung, bald halbjährlich durch neuere Modelle ersetzt wurden, wobei die alten Modelle wenigstens vorläufig vor Ort verblieben, denn qua der Dimensionen der Lager gestalteten sich Abtransport und Demontage schwierig. Die geräumigen Körbe der ausgedienten Modelle wurden von den Beschäftigten anfangs für Ruheperioden, schließlich zu Wohnzwecken an die Decke gefahren, das heißt, nach oben hin abgeschlossen, und so zu Schlaf- beziehungsweise Wohnplätzen umgenutzt.

Als Kühlgaden bezeichnete man landschaftlich, vor Aufkommen der künstlichen Kühlung, eine Kammer oder Lagerstätte, welche in der Regel

Sie klappt das Büchlein zu, tippt auf den Einband, wackelt mit dem Kopf. Fragmente aus einem Lexikon der Fantastik? – oder etwas, das mit diesen Video- und Rollenspielen zu tun hatte, mit denen ihr Bruder sich die Zeit vertrieb? Die Leute, die dabei mitmachten, trugen Seltsames – seltsam und ausgedacht wie Kobel und Gaden. Was noch? Sie liest den dritten Ausriss:

da diese Maßeinheit nicht oder örtlich sehr verschieden, wenn überhaupt, festgelegt war, verschwand die Zaspel wie von selbst in dem Maße, in welchem der Handel wuchs und Grenzen zu überschreiten begann.

Der Zaspenverband, kurz Die Zaspe genannt, ist eine im Vereinsrecht niedergelegte Sonderform des Vereins für vereinsartige Organisationen mit weniger als 13 Mitgliedern (Mindestzahl zwei). Für Zaspenverbände gilt eine stark vereinfachte Form des Vereinsrecht, wodurch der Gesetzgeber kleine gesellschaftliche und gesellige Zusammenschlüsse fördern will, indem er sie von bürokratischen Auflagen teilweise befreit. Eine Sonderform der Sonderform Zaspe ist der vorläufig geduldete Zaspenverband (Zaspe v.g.). Dieser Fall kann eintreten (ein begründeter Antrag ist erforderlich), wenn ein Zaspenverband die erlaubte Mitgliederzahl von 13 überschreitet (absolute Höchstzahl: 21). Der Gesetzgeber will durch diese Sonderregelung verhindern, dass kleine Vereine durch um die Obergrenze schwankende Mitgliederzahlen in unzumutbare rechtliche und verwaltungstechnische Schwulitäten geraten.

Der Zaster ist, darin vergleichbar dem Knaster, eine verschliffen großstädtische Bezeichnung für Geld, welche sich ergab, da durch den ausgreifenden Handel an solchen Orten Volk aus allen Himmelsrichtungen zusammenkam, sich mischte und

Sie blättert, feuchtet die Fingerspitzen, will sicher gehen, dass nicht Seiten zusammenkleben und etwa etwas verbergen. Aber da ist nichts. Seite auf Seite blütenweiß und leer und rein gar nichts.

Es schelltein Hall, man meint, das Weltgebäude stürze ein. Sie schaut aufs Telefon, nein, das klang anders. Es schellt noch einmal – na klar, die Tür. Sie geht zur Tür, sieht durch den Spion. Draußen eine der Entrümplerinnen. Sie macht auf. – Ja, sagt die, nun wäre man auch mit dem Dachboden fertig, und also wohl komplett durch. Ob sie mitkommen möge, nachzusehen, das alles so sei wie gewünscht? – Der Dachboden. Hatte sie ganz vergessen. Dabei war das, letzte Woche, Teil der Begehung gewesen. Sie kommt mit nach oben. Der Boden, was ein Gerümpel, Möbel, Schlitten, Werkzeug, jetzt ist er leer – und dennoch hallts hier nicht, fällt ihr auf. Ob das an der Dreiecksform liegt? Oder macht es die Dämmung des Dachs? Sie guckt nach oben. Da hängt etwas, hängt in der Dachschräge eine Art Kiste, Korb an einem Seil. Sie zeigt nach oben. Sie sagt: Und das? Die Entrümplerin folgt ihrem Fingerzeig. Sie sagt: Oh! Das ist uns durchgeflutscht. Nach oben hat keine geguckt … Sie peilt die Sache an, sagt: Ein Seilzug. Und das Seil, das das Dingens hält, ist dort, rechts, am Dachbalken, an einer Klampe verschnürt. Ist nicht hoch. Ich mach Räuberleiter, sie lösen das Seil, und dann sehn wir nach. – Räuberleiter? Seit Kindertagen hat sies nicht gemacht, doch die kräftige Frau gibt ihr das Vertraun, es zu versuchen.

Alles klappt wie am Schnürchen, und das Behältnis, ein Gitterkorb, wie man ihn auf Baustellen sieht, steht auf dem Boden. Sie lösen die Plane, die den Korb abdeckt, darin sind Kartons und in den Kartons Sachen in Papier gewickelt, doch alles Auswickeln muss man nicht, die Kartons sind beschriftet. Einer enthält die Pokale des Bruders. Sie erinnert sich, in seinem Kinderzimmer standen sie dicht an dicht auf drei, vier Borden des Regals. In den nächsten Kartons sind seine Helme, Handschuhe, Rennanzüge, Räder und andere Teile. Auf dem letzten Karton steht Güterbahn (Vater), darin Vaters Pfeife und Mütze und Schutzweste, geschützt hatte sie ihn nicht, und ganz unten etwas Schweres. Sie wickelts aus: Es ist Vaters Hemmschuh, silbern, mit Plakette: Zum 15. Dienstjubiläum von deinen Rangierern, Güterknoten Echo Drei.

Was tun? Der Keller der Mutter voll mit der Eisenbahn. Und diese Sachen hier, die würden sie nur belasten. Alte Wunden sind wie schlafende Hunde. Also? – Sie legt den Hemmschuh zurück. Zur Entrümplerin sagt sie: Das kann alles weg. Da könnte was bei sein, für ihrn Flohmarkt, schätze ich. Dann holt die Entrümplerin eine Kollegin, fast Zwillinge, die beiden, und rasch sind die Kisten vom Boden; der Gitterkorb bleibt, wird gehievt und wieder vertäut.

Zum Schluss muss sie Papiere unterschreiben. Die Rechnung später, aber, sagt die Entrümplerin, wie es aussehe, werde man unter dem veranschlagten Betrag bleiben. Sie steckt die Papiere in ihren Overall, zieht ein Kärtchen hervor, sagt: Dank für die gute Zusammenarbeit! Und das hier ist, wenn sie uns weiterempfehlen mögen.

Vom Fenster sieht sie den Wagen, wie er rangiert, vor, zurück, zurück, vor, und durch die enge Lücke vom Grundstück fährt, dann langsam die Straße hinab, links wie rechts alles zugeparkt; einmal hupt er, dann ist er um die Ecke verschwunden. Sie schaut auf das Kärtchen in ihrer Hand. Da steht: Wir räumen ihnen die Bude leer! – Elsternest, Zaspe v.G. – Gefallenen eine 2. Chance.

Sie steckt das Kärtchen ins Portemonnaie. Sie sieht auf ihr Telefon – keine Nachrichten. Die Mutter anrufen, bei ihr vorbeifahren? Nein, das konnte warten, warten, das Leben, ein Verschiebebahnhof.