Gedanken

Fußballkultur – Materialien zur Kritik eines unrunden Begriffs

Martin Bartholmy

Der 4. Juli 1954 – da war doch was? Genau: Deutschland ist Fußball-Weltmeister, zum ersten Mal. Im Wankdorfstadion in Bern fällt nach dem Schlusspfiff Bundespräsident Heuss Kanzler Adenauer um den Hals, auf der Ehrentribüne schunkelt das halbe Kabinett mit Bayerns Ministerpräsident Hoegner (SPD) und Hamburgs Erstem Bürgermeister Sieveking (CDU). Oppositionsführer Ollenhauer, der das Spiel co-kommentiert hat, hält es nicht auf dem Sitz: Er reißt Herbert Zimmermann, der eben sein „Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!“ geschrieen hat, den Kopfhörer herunter, und enthemmt schwenkt er ihn durch die Luft, Unverständliches grölend. read more / weiterlesen

Geschichte

Was die Städte sagen. Ein Roman in 25 Orten (2)

(Kapitel 23)
Paderborn

Die Zugbegleiterin kommt. Ich zeige ihr Fahrkarte und Bahncard. Sie mustert letztere, dann mich und sagt: Sehr ähnlich sieht das Foto ihnen nicht.
Ich versichere ihr, ich sei es, und sie lacht: Nur ein Scherz. Aber auf dem Bild sehen sie wirklich vorteilhafter aus.
Wie sie geht, wende ich mich zur Scheibe. In der Tat blicke ich daraus zerzaust zurück. Der Bahnsteigwind hat mein nicht mehr sehr volles Haar gründlich verwüstet, hier liegt zu viel, dort zu wenig. Ich beschließe, den überfälligen Eingriff vornehmen zu lassen.

Nicht lange, und wir sind in Paderborn. Dem Hauptbahnhof gegenüber steht das Arbeitsamt, erbaut im wenig schmeichelnden Stil der 1970er Jahre. Damals begann die Misere, doch noch war genug Geld vorhanden, mit Ämtern als Molen die Wellen des sozialen Wohnungsbaus zu brechen. Neben dem Haus mit dem beinamputierten A stehen eine Apotheke und die Verbraucherzentrale. An einen Ort des Unglücks bin ich geraten: Arbeitslos, krank, belogen und betrogen, dazu dieses Autokennzeichen, schwer und nach unten ziehend: PB, plumm-bumm, plumm-bumm … etwas fällt in einen tiefen Schacht; etwas kommt nie wieder. Auf erste Zeichen soll man hören, aber glauben – glauben braucht man ihnen nicht. read more / weiterlesen

Geschichte

Was die Städte sagen. Ein Roman in 25 Orten (3)

Vorwort

Über Karl Napf, den Verfasser dessen was folgt, ist viel gesagt worden. Das meiste ist bekannt. Ich fasse mich kurz. Das Werk, wie es vorliegt, ist nicht abgeschlossen. Es ist eine famose Ruine – und vielleicht hätte es auch ohne die Wechselfälle von Krankheit und Tod nie einen Abschluss gefunden, denn die Zahl der Städte Deutschlands ist methusalemisch, ist länger als die Kunst, länger als das Leben. Dass der Autor nicht mehr ist, bildet somit ein organisches Ende des Ganzen, und so gibt die Lebenszeit dem Werk Form und Abschluss. Über Napfs Tod und dessen Umstände ist alles gesagt. Vieles stimmt nicht, aber die Leserinnen und Leser sind gewiss in der Lage, sich ihr eigenes Urteil zu bilden. read more / weiterlesen

Geschichte

Was die Städte sagen. Ein Roman in 25 Orten (1)

Über den Verfasser

Karl Napf, * Holzmaden 1945, † Owen 2006

Karl Napf trat früh und anfangs mit Lyrik hervor. Erste Arbeiten des 16-jährigen erschienen 1961 in der von Bense herausgegebenen Anthologie fisch fang beifang, sein Gedichtband Der Schatten des Bären ist schwer folgte im Jahr 1965. Die Kritik äußerte sich weitgehend günstig, und, last but not least, meldete sich ein prominenter Fürsprecher des jungen Dichters zu Wort, nämlich Hugo von Maurhus, bekannt als der „letzte Groß-Impressionist der deutschen Literatur“, und Maurhus war es auch, der ihm ein sechsmonatiges Arbeitsstipendium im Solothurner Sealsfield-Haus sicherte. Weitere Werke aber wollten Napf in der Schweiz nicht gelingen. read more / weiterlesen