Gedichte

Beim Anblick der Endmoräne (3)

3. ARBEITEN

II.
Ich habe vergessen,
das Tintenfass zuzuschrauben,
und der Tintenrest ist eingetrocknet.
Mord am ungeschriebenen Wort.

V.
Ich sehe auf meine Hände.
Sie liegen im Schoß
und zittern.
Sie wissen:
Nichttragende Hände
können aus dem Körperbau
jederzeit
gefahrlos entfernt werden.

IX.
Vom Holzeinschlag lerne Geduld:
Holt ihn auch keiner ab,
vom Rand des Wegs,
nie gibt er anderen
dafür die Schuld.

XXIII.
Im Sommer sind die Vögel hier,
im Winter sind sie dort.
Typisch Globalisierung.
Das Vogelnest im Baum vor dem Balkon
ist dadurch meistens arbeitslos und friert.

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne, Abteilung 3 - Arbeiten

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne. Gedankenlyrik.
86 Seiten. 10 Euro.
ISBN 978 3 941936 27 0
Informationen beim Verlag

Gedichte

Beim Anblick der Endmoräne (2)


2. FORTBEWEGEN

IX.
Auf dem Radweg
liegt eine Radkappe.
Sie ist überfahren worden.
Heute Nacht weinen irgendwo
Muttern bittre Tränen.

XIII.
Auf der Südspitze
der Verkehrsinsel
sonnt sich
ein Häuflein Schnee,
schneefrei hingegen
ihr Nordkap.
Der Wandel
der Räummuster
schreitet
unaufhaltsam
voran.

XXIII.
Auf dem Bürgersteig
finde ich
einen Ohrring.
Irgendwo
geht jetzt wer
schief.

XXV.
Wirft man sich auf die Gleise,
und es kommt kein Zug,
einen zu überrollen,
kommt nicht und kommt nicht und kommt nicht,
dann ist am Ende,
eventuell,
das Gleis tot.

XXXIX.
Das Spiegelbild der Brücken
im Fluss, im Bach und im Kanal,
– nur selten kämen wir
trockenen Fußes
ans andere Ufer,
wären Brücken nicht eitel.

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne. Gedankenlyrik.
86 Seiten. 10,00 Euro.
ISBN 978 3 941936 27 0
Informationen beim Verlag

Gedichte

Beim Anblick der Endmoräne (1)

  1. WOHNEN

V.
Ein Kleiderbügel hat seinen Haken verloren
und ist zu Boden gesunken.
Mein Mantel sank mit.
Mitgefühl, dich will ich loben.

XX.
Wenn ich über die Rippen meines Heizkörpers fahre,
macht es so schön rapp-pa-pa-rapp.
Fährt jemand über meine Rippen,
macht das kein Geräusch,
ich aber muss gicksen.
Regel für Heizkörperbesitzer:
Gickst Euer Heizkörper,
dann macht euch lieber,
rapp-pa-pa-rapp,
schnell vom Hof.

XXIII.
Schneide ich mir die Fingernägel
am offenen Fenster,
bleibt meine Wohnung sauber
und luftig zugleich.
Die Welt hingegen ist dann
wieder ein Stück härter geworden.

XXX.
Links im Flur in einer Ecke
sammelt sich Staub.
Na, besser er sammelt sich,
als dass er hysterisch wird
und mich anfällt.

XXXVII.
Ich habe einen Hausschuh verloren.
Höchste Zeit,
in eine kleinere Wohnung zu ziehen.

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne. Gedankenlyrik.
86 Seiten. 10,00 Euro.
ISBN 978 3 941936 27 0
Informationen beim Verlag

(Eine hochauflösende Version dieses Fotos gibt es hier.)

Geschichte

Börsenmärchen

BÖRSENMÄRCHEN

(1) Tokio

Eines Tages kam ein kleiner Japaner an die Börse. Viele Tage war er zu Fuß unterwegs gewesen, und als Wegzehrung hatte er nur einen Laib trocken Brot im Eastpack-Rucksack gehabt. Gerade war das Brot aufgezehrt, da stand er vor dem Tor der großen Börse im großen Tokio. Vor dem großen Tor aber stand ein Wachmann, der war kein Zwerg.

Zu ihm sagte der kleine Japaner: Ich heiße Vinzenz Heinrich Danielsmeier, und ich würde gerne hinein, bitte.

read more / weiterlesen

Geschichte

Was die Alten noch konnten, heut ist es fast verschwunden

Kurt F. (Name von der Redaktion geändert) ist seit vielen Jahren Regentonnenwächter oder, wie er es nennt, “Rejschentünnbüttel”. Seine Arbeit besteht darin, sämtliche Regentonnen der Stadt abzufahren und zu prüfen, und dies in der Regel jeden zweiten Tag, bei markanten Niederschlagslagen aber durchaus auch alle paar Stunden.

An einer jeden Tonne, gilt es den Regenpegel zu messen, das gesammelte Wasser auf Kontamination durch Luftschadstoffe, Dachpfannenfett, Regenrinnenrott oder Schabernack zu prüfen und, vor einem drohenden Überfluss, die Um- und Ableitungsklappe am Fallrohr zu schließen. Zur Routine wird eine solche Arbeit nie, und ist nur möglich dank langjähriger Erfahrung, unterscheiden sich die Auffangbehälter und Zuleitungssysteme doch von Fall zu Fall erheblich, von den Eigenheiten jeweiliger Wolkensysteme und Windlagen ganz zu schweigen.

Auf seinem täglichen “Tonnenstrich”, so der Fachausdruck für die vom Wächter zurückzulegende Strecke, summieren sich die Tonnenkilometer schnell, und lange schon hat man ihm hierfür ein Dienstrad zur Verfügung gestellt, welches man, der besonderen Einsatzbedingungen wegen, mit einem Regendach und einer Standheizung versah. Auch gibt es an jeder Seite des Rads eine in Handarbeit speziell auf F.s Bedürfnisse zugeschnittene Halterung, in welcher er die beiden wichtigsten Arbeitsgeräte eines Regentonnenwächters verwahrt, nämlich linker Hand die Sprudelmessleere und rechter Hand den Bindfadenzähler. Die Handhabung dieser beiden Geräte zu erlernen braucht es, so F., Jahre, doch lohne sich der Aufwand, denn die so gesammelten Messergebnisse überträfen nach wie vor jene der modernen Computersimulations-Handheld-Terminals, durch welche man die alten mechanischen Apparaturen seit Jahren zu ersetzen versuche.

Ihm, so sagt uns Kurt F., macht der Job Spaß, bringt ihn unter Leute, und er hält ihn gesund, muss er doch täglich viele Runden auf seinem Rad drehen, um alle regenfallrelevanten Sammelbehälter kenntnisgerecht in Augenschein zu nehmen. Nur im Winter ist die Tätigkeit weniger erfreulich, bildet sich um die Tonnen doch schnell tückisches Glatteis und ist manche Inspektion nur nach kraftraubendem Einsatz des Eispickels und des Schneebesens möglich. Aber, so wollen wir sein raues Idiom übersetzen, ihm ‘macht es Spaß, und ist immer etwas am Laufen, und in drei Jahren dann Rente und den Mist nie wiedersehen.’

Gewächsthaus mit Regentonne auf Garagendach

Manche Regentonnen sind schwer zu erreichen.
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier.)

 

Gedichte

Ansichtssachen

Blinder mit Blindenstock vor einem Plakat, wleches für "Mist" wirbt

Foto: Martin Bartholmy. Eine hochauflösende Version dieses Fotos findet sich hier.

Ansichtssachen

Es ist
Es ist natürlich
Es ist natürlich auch
Es ist natürlich auch mal wieder
so

Es war
Es war vernünftig
Es war vernünftig oder
Es war vernünftig oder ach
wo

Es wird
Es wird schon
Es wird schon wieder
Es wird schon wieder hundert
pro

Es könnte
Es könnte alles
Es könnte alles sein
Es könnte alles sein total am
Po

Geschichte

Sankt Gall

Rot. Rot. Rot. Und kein Grün. Außer für Autos.

Schnorrigel sieht auf die Straße. Er sieht zur Seite, sieht den Knopf und drückt. Der Knopf sagt: Wait.

Er drückt in rascher Folge einmal – zweimal, dreimal, viermal. Der Knopf sagt: Wa-W-W-Wait.

Wieder geht die Hand zum Knopf, aber nun piept es und ist grün, beziehungsweise weiß: Sieben, sechs, fünf, vier, drei und zwei – knapp vor Ende des Countdowns erreicht er die andere Seite der Straße und betritt das Lokal.

read more / weiterlesen