Gedichte

Beim Anblick der Endmoräne (4)

4. KAUFEN

II.
Im Rinnstein sehe ich einen Groschen
und will ihn aufheben.
Es klebt aber etwas Hundescheiße daran.
Da lass ich ihn lieber, wo ich ihn fand.
Vielleicht hat ihn ja ein armer Hund verloren.

VIII.
Gestern habe ich mir die Haare
mit Duschgel gewaschen.
Seither kann ich meinem Shampoo
nicht mehr in die Augen sehen.

XI.
Von meinem Kühlschrank ist
der Türgriff abgefatzt.
Aber schon vor Jahren.
Also eigentlich kein Grund
für die Milch darin,
immer noch sauer zu sein.

XXVI.
In der Dreiersteckleiste in der Küche
links ein Stecker, Kühlschrank,
rechts ein Stecker, Kaffeemaschine,
in der Mitte kein Stecker.
Anklagend sehen mich zwei Stromaugen an:
Geh, kauf Mikrowelle!

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne - 4. Abetilung: "Kaufen"

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne. Gedankenlyrik.
86 Seiten. 10 Euro.
ISBN 978 3 941936 27 0
Informationen beim Verlag

(Eine hochauflösende Version dieses Fotos gibt es hier.)

Geschichte

Walnuss auf Walze

Ein junger Mann – aber ist er auch wirklich einer? Und was heißt hier jung? – Besser also vielleicht: Eine nach überkommenen Vorstellungen eher als männlich anzusprechende Person von diesseits des Todes fuhr auf einem Leihfahrrad der – nun … sagen wir: der Firma Limone. Da jedes Ding einen Namen hat, einerseits, wir andererseits den sogenannten jungen Mann aber nicht verdinglichen wollen, nennen wir ihn ab sofort Krscheftz. read more / weiterlesen

Geschichte

Das Märchen vom coolen Wolf und den drei kleinen Clubs

Es wurden einmal drei Clubs gelauncht, und man schickte sie in die große weite Welt, und man sagte ihnen, seht zu, dass ihr euch durchsetzt und zu einer angesagten Location werdet. Gelingen aber solls nur einem von euch Dreien – die beiden anderen werden zu Konkursmasse geknetet.
Kaum hatten die drei kleinen Clubs ihre ersten zögernden Tanzschritte im Schwarzwald der Großstadt getan, da schickte das Dancefloor Magazine seinen Herrn Wolf, der sollte abchecken, was hier ginge.

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Gedichte

Beim Anblick der Endmoräne (3)

3. ARBEITEN

II.
Ich habe vergessen,
das Tintenfass zuzuschrauben,
und der Tintenrest ist eingetrocknet.
Mord am ungeschriebenen Wort.

V.
Ich sehe auf meine Hände.
Sie liegen im Schoß
und zittern.
Sie wissen:
Nichttragende Hände
können aus dem Körperbau
jederzeit
gefahrlos entfernt werden.

IX.
Vom Holzeinschlag lerne Geduld:
Holt ihn auch keiner ab,
vom Rand des Wegs,
nie gibt er anderen
dafür die Schuld.

XXIII.
Im Sommer sind die Vögel hier,
im Winter sind sie dort.
Typisch Globalisierung.
Das Vogelnest im Baum vor dem Balkon
ist dadurch meistens arbeitslos und friert.

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne, Abteilung 3 - Arbeiten

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne. Gedankenlyrik.
86 Seiten. 10 Euro.
ISBN 978 3 941936 27 0
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Gedichte

Beim Anblick der Endmoräne (2)


2. FORTBEWEGEN

IX.
Auf dem Radweg
liegt eine Radkappe.
Sie ist überfahren worden.
Heute Nacht weinen irgendwo
Muttern bittre Tränen.

XIII.
Auf der Südspitze
der Verkehrsinsel
sonnt sich
ein Häuflein Schnee,
schneefrei hingegen
ihr Nordkap.
Der Wandel
der Räummuster
schreitet
unaufhaltsam
voran.

XXIII.
Auf dem Bürgersteig
finde ich
einen Ohrring.
Irgendwo
geht jetzt wer
schief.

XXV.
Wirft man sich auf die Gleise,
und es kommt kein Zug,
einen zu überrollen,
kommt nicht und kommt nicht und kommt nicht,
dann ist am Ende,
eventuell,
das Gleis tot.

XXXIX.
Das Spiegelbild der Brücken
im Fluss, im Bach und im Kanal,
– nur selten kämen wir
trockenen Fußes
ans andere Ufer,
wären Brücken nicht eitel.

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne. Gedankenlyrik.
86 Seiten. 10,00 Euro.
ISBN 978 3 941936 27 0
Informationen beim Verlag

Gedichte

Beim Anblick der Endmoräne (1)

  1. WOHNEN

V.
Ein Kleiderbügel hat seinen Haken verloren
und ist zu Boden gesunken.
Mein Mantel sank mit.
Mitgefühl, dich will ich loben.

XX.
Wenn ich über die Rippen meines Heizkörpers fahre,
macht es so schön rapp-pa-pa-rapp.
Fährt jemand über meine Rippen,
macht das kein Geräusch,
ich aber muss gicksen.
Regel für Heizkörperbesitzer:
Gickst Euer Heizkörper,
dann macht euch lieber,
rapp-pa-pa-rapp,
schnell vom Hof.

XXIII.
Schneide ich mir die Fingernägel
am offenen Fenster,
bleibt meine Wohnung sauber
und luftig zugleich.
Die Welt hingegen ist dann
wieder ein Stück härter geworden.

XXX.
Links im Flur in einer Ecke
sammelt sich Staub.
Na, besser er sammelt sich,
als dass er hysterisch wird
und mich anfällt.

XXXVII.
Ich habe einen Hausschuh verloren.
Höchste Zeit,
in eine kleinere Wohnung zu ziehen.

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne. Gedankenlyrik.
86 Seiten. 10,00 Euro.
ISBN 978 3 941936 27 0
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Geschichte

Börsenmärchen

BÖRSENMÄRCHEN

(1) Tokio

Eines Tages kam ein kleiner Japaner an die Börse. Viele Tage war er zu Fuß unterwegs gewesen, und als Wegzehrung hatte er nur einen Laib trocken Brot im Eastpack-Rucksack gehabt. Gerade war das Brot aufgezehrt, da stand er vor dem Tor der großen Börse im großen Tokio. Vor dem großen Tor aber stand ein Wachmann, der war kein Zwerg.

Zu ihm sagte der kleine Japaner: Ich heiße Vinzenz Heinrich Danielsmeier, und ich würde gerne hinein, bitte.

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