Gedichte

Hin und weg

(1) Tuten und Blasen

Der Tisch ist leer,
die Tafel rasiert,
die Butter noch nicht aufs Brot geschmiert,
die Butter noch gar nicht erfunden.
Ohne Minuten, was wären die Stunden?

Das Haus ist kahl,
der Hof verschlossen,
die Träume noch nicht ins Kraut geschossen,
die Träume noch uninterpretiert.
Ohne Ecken, was wär ein Geviert?

Das Kind ist müd,
der Kegel verjüngt,
der Acker noch brach und ungedüngt,
der Acker noch nicht umgebrochen.
Ohne Mark, was wären die Knochen?

Der Fug ist Un,
das Recht Un auch,
das Mitgefühl noch nicht im Bauch,
das Mitgefühl noch unausgeprägt.
Ohne Un, was wär überlegt?

Der Bausch ist bunt,
der Bogen raus,
die Kinder noch nicht aus dem Haus,
die Kinder noch nicht ohne Flausen.
Ohne Drinnen, was wäre das Draußen?

Das Dach ist spitz,
das Fach ist Mathe,
der Euklid noch nicht von der Matte,
der Euklid noch nicht bewiesen.
Ohne Adam, was wären die Riesen?

Die Krethi ist froh,
der Plethi ist heiter,
die Kinder noch immer Außenseiter,
die Kinder noch nicht im Mainstream.
Ohne Bildung, was wäre ein Team?

Das Recht ist da,
die Ordnung vorhanden,
die Gesellschaft noch nicht recht verstanden,
die Gesellschaft noch nicht kritisiert.
Ohne Vertrag, was wär annuliert?

Die Jacke ist klamm,
die Hose verknittert,
die Teenager noch ganz unverbittert
die Teenager noch breit und stoned.
Ohne Sonne, was wäre der Mond?

Die Lust ist groß,
die Laune prächtig,
die Schwermut noch nicht übermächtig,
die Schwermut noch fast unbekannt.
Ohne Feuer, was wäre ein Brand?

(2) Dick und Dünn

Das Zeichen ist da,
das Wunder geschehn,
die Verwandlung noch nicht zu sehn,
die Verwandlung noch nicht abgeschlossen.
Ohne Landgang, was wären die Flossen?

Das Land ist weit,
die Leute verdattert,
die Autos noch nicht vorbeigerattert,
die Autos noch nirgends zu hören.
Ohne Störung, was wäre Empören?

Der Hinz ist sauer
die Kunz irritiert,
die Kinder noch nicht sozialisiert,
die Kinder noch nichts gerafft.
Ohne Stunk, was wäre Verwandtschaft?

Die Nacht ist schwarz,
der Nebel dicht,
der Mond noch ohne jedes Licht,
der Mond noch unaufgegangen.
Ohne Salz, was wären die Stangen?

Der Leib ist feist,
das Leben prall,
der Knall noch ohne jeden Fall,
der Knall noch Spleen, nicht Diagnose.
Ohne Ranke, was wäre die Rose?

Der Schall verhallt,
der Rauch verfliegt,
der Weltmeister noch unbesiegt,
der Weltmeister noch nicht am Ziel.
Ohne Zufall, was wäre das Spiel?

Die Treu ist lau,
der Glaube kippelt,
die Bohnen noch nicht geschnibbelt,
die Bohnen noch nicht geputzt.
Ohne Gewissheit, wer wäre verdutzt?

Der Schritt vergeht,
der Tritt tritt nach,
der Zwischenschritt nicht unter Dach und Fach,
der Zwischenschritt noch Fehlanzeige.
Ohne Bürger, was wären die Steige?

Das Soll ist voll,
das Haben übersatt,
die Flotte noch im Kattegatt,
die Flotte noch nicht eingetroffen.
Ohne Bangen, was wäre das Hoffen?

Das Schloss ist zu,
der Riegel festgeklemmt,
der Fluchtweg noch nicht freigestemmt,
der Fluchtweg noch nicht erschlossen.
Ohne Holme, was wären die Sprossen?

(3) Sack und Pack

Der Lug ist faul,
der Trug ganz ungeniert,
der Brei noch nicht um den Bart geschmiert,
der Brei noch gar nicht gegart.
Ohne Punkte, was wär der Gepard?

Der Grund ist weich,
der Boden zittert,
die Nachricht ist noch ungetwittert,
die Nachricht ist noch nicht rum.
Ohne Unwissen, was wäre dumm?

Das Hab ist faul,
das Gut ist schlecht,
die Immobilie noch nicht marktgerecht,
die Immobilie noch nicht vertickt.
Ohne Kapital, was wär ein Delikt?

Die Schuld ist da,
die Sühne mangelt,
der Weiher noch nicht leergeangelt,
der Weiher noch unabgelassen.
Ohne Gräten, was wären die Brassen?

Der Rat ist gut,
die Tat ist schlecht,
die Konsequenz noch nicht gerächt,
die Konsequenz noch nicht empfunden.
Ohne Stigma, was wären die Wunden?

Der Schimpf ist da,
die Schande schreit,
der Täter noch nicht all zu weit,
der Täter noch nicht entkommen.
Ohne Sünder, was wären die Frommen?

Der Mord ist falsch,
der Totschlag auch,
das Leben noch nicht ohne Hauch,
das Leben noch nicht ganz verflogen.
Ohne Wind, was wären die Wogen?

Der Tod ist echt,
der Teufel Fiktion,
das Fegefeuer noch nicht in Aktion,
das Fegefeuer noch nicht entfacht.
Ohne Sieben, was wäre die Acht?

Die Haut ist schlaff,
die Knochen spröde,
das Oberstübchen noch nicht blöde,
das Oberstübchen noch nicht marod.
Ohne Sinn, was wäre der Tod?

Das Feuer ist aus,
die Flamme verbraucht,
die Asche noch nicht ausgeraucht,
die Asche noch nicht verglommen.
Ohne Gehen, was wäre das Kommen?

(4) Singen und Sagen

Das Heim ist weit,
der Herd ist kalt,
der Lyriker noch in der Heilanstalt,
der Lyriker noch nicht recht nüchtern.
Ohne Reime, was blieb von den Dichtern?

Eine Mauer mit abblätternder Farbe und Rost, und in der Mitte, einbetoniert, ein Leitungsmast
Haut und Knochen
Foto: Martin Bartholmy (eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier)