Gedichte

Der Hannah Arendt-Übersetzungs-Challenge

Nein, es geht nicht darum, Hannah Arendt zu übersetzen. Vor einiger Zeit stieß ich im New Yorker auf einen Aufsatz Arendts über W.H.Auden. Sie geht darin unter anderem auf eines ihrer Lieblingsgedichte ein, Audens If I Could Tell You (hier eine Aufnahme von Auden und hier der Text).

Arendt schreibt: „The very untranslatability of one of Auden’s poems is what, many years ago, convinced me of his greatness. Three German translators had tried their luck and killed mercilessly one of my favorite poems, If I Could Tell You.” Die Namen der drei Übersetzer finden sich in der deutschen Fassung des Aufsatzes: Hans Egon Holthusen, Kurt Hoffmann und Georg von der Vring.

read more / weiterlesen

Gedichte

Was fehlt

Löchrige Cocktailschirme,
Oliven pflatschen ins Glas,
höckrige Fernsehtürme,
Glöckner mit Gardemaß,
Entzündung der Sehnenscheide löschende Tastaturen,
Reality TV-Formate mit Trickfilmfiguren,
selbstwienernde Bäder,
man reicht ihnen bloß den Schwamm,
sich selbst verschmutzende Räder,
bzw. Bikes mit Kunst-Mountainschlamm.
Endlich einen Kugelblitz sehen, aber nicht sterben,
einen Lottogewinn einfahren und gleichzeitig erben.
Nicht die Welt bedeutende Bretter,
Blitzlichtschönwetter.

Mehrere Bretter, an eine Hauswand gelehnt.
Unbedeutende Bretter. Foto: Martin Bartholmy
(Eine hochauflösende Version dieses Bildes gibt es hier.)

 

Gedanken

Die Leere der Vergangenheit

Ein Essay
von Martin Bartholmy

Gebranntes Kind scheut das Feuer, und, einmal gemeistert, verlernt man das Radfahren nie.
Das Lernen: Zusammenhänge erkennen, Muster begreifen, sie übend nachahmen – und schließlich hat man es verinnerlicht, man hat es drauf, und alles geht besser, hoffentlich.

So die Idee. So lernt man Schwimmen, Rechnen, Rechtschreibung und Grammatik, lernt, dass Gravitation humorlos ist und Masse träg. Wie aber verhält es sich mit, gewissermaßen, zwischenmenschlichen Angelegenheiten, soll heißen, mit jenem Feld, wo sich unser Gewurschtel mit der vierten Dimension kreuzt – mit der Geschichte?

read more / weiterlesen

Geschichte

Heiligendamm

Es war ja, was man vielleicht den Sinn ergänzend voranstellen muss – Elena jedenfalls empfielt es mir, wobei ich nicht sicher bin … höre ich da Ironie aus ihrer Stimme, Sarkasmus? Schwer zu sagen. Seit zwei Tagen ist sie heiser – heiser oder erkältet oder beides und jedenfalls verschnupft. Am offenen Fenster hatten wir gesessen, an diesem Freitagabend, als die Sonne uns einen sommerlichen Untergang vorspielte, während es gleichzeitig für die Jahreszeit zu kühl war, deutlich zu kühl, wir aber waren geblendet, und untem im Park probte eine Kapelle für das samstägliche Konzert. Vielleicht dass uns die Musik warm gehalten hat, oder es war die angeregte Unterhaltung, die Schwingung der Stimmbänder, die die Musik zu übertönen hatten, was ihnen auch gelang, denn wir hatten uns viel zu sagen – viel nach den vielen Problemen, die sich nun, Wunder des Ortswechsels, verflüchtigt hatten, und mit ihnen war auch der Krampf von uns abgefallen, wie ein Schal der unbemerkt von den Schultern gleitet, und zwischen uns flogen die Gesten, die Worte leicht und lässig wie Federbälle, welche eine geringe Bewegung des Handgelenks hoch in die Luft steigen lässt, so leicht und hoch, ganz unmöglich scheint es, dass sie sich im Netz verfangen, dass sie je wieder den Boden berühren.

read more / weiterlesen

Gedichte

Beim Anblick der Endmoräne (7)

7. NATUREN

IV.
Einen Trauerrand hat sich
mein linker Mittelfinger
unter den Nagel gelegt.
Besorgt schaue ich nach:
Fehlalarm,
die andren Finger leben noch.

VI.
Auf einer Pfütze
schwimmt ein Schraubverschluss.
So sähe die ganze Welt aus,
gäbe es keine Wasserflaschen.

XII.
Der Himmel wird grau,
dann beginnt es zu schütten.
Wie schön
die Gewissheit!
Aus heiterem Himmel
trifft einen nur Licht.

XXIII.
Ein Feuerzeug liegt auf der Parkbank,
daneben hüpft ein Spatz.
Die Bäume rauschen zufrieden.
In Kalifornien brennt der Wald.

XXXI.
Die Sonne geht auf.
Die Sonne geht unter.
Ich stehe auf.
Ich gehe nicht unter.
Weltall und Alltag,
du kriegst
die Tür nicht zu.

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne - 7. Abteilung: Naturen

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne – 7. Abteilung: Naturen

Gedichte

Beim Anblick der Endmoräne (6)

6. PFLANZEN

IV.
Im Vorgarten liegt heute morgen
ein altes Bügeleisen.
Irgendwo atmen Hemden jetzt auf.
Zwei Gänseblümchen aber haben es
mit dem Leben bezahlt.
War es das wirklich wert?

VI.
Die Wurzeln einer Buche
haben den Asphalt des Bürgersteigs
zu Wellen aufgeworfen.
Ich hebe eine Buchecker auf,
halte sie ans Ohr –
von Rauschen keine Spur.

XVI.
Die Gießkanne
hat ihren letzten Tropfen
der Topfpflanze geschenkt.
Nun dürstet sie,
aber sie klagt nicht,
denn, Klugheit der Natur,
ihr Maul kann spenden,
sprechen kann es nicht.

XVIII.
Obstmesser sind nicht überflüssig:
Drei Tage in der Sonne,
und die Orange
schält sich immer noch nicht.

Gedichte

Beim Anblick der Endmoräne (5)

5.TIEREN

I.
Wenn eine Schwalbe
noch keinen Sommer macht,
was machen dann
zwei Schwalben
nicht?

IV.
Eine Taube frisst einen verlorenen Schnürsenkel.
Andersherum würde ein Schuh daraus.

IX.
Ein Regenwurm hängt am Angelhaken.
Eklig, vielleicht? – Aber, na ja,
andersherum sähe das ziemlich blöde aus.

XVII.
Was war zuletzt da,
Eiweiß oder Dotter?
Der Esser schweigt,
er hat genossen,
und Eidgenosse Eierbecher
schweigt ebenfalls
und bleibt.
Die Schalen aber gibt man
zuguterletzt in aller Stille
in den Kompost.

XXI.
Auf dem Schleppkahn an der Schleuse
sitzt auf Kohlen eine Meise.
Einfältig die Vogelwelt.

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne - 5. Tieren

Martin Bartholmy: Beim Anblick der Endmoräne. Gedankenlyrik.
86 Seiten. 10 Euro.
ISBN 978 3 941936 27 0
Informationen beim Verlag

(Eine hochauflösende Version dieses Fotos gibt es hier.)